Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach
Freiheitskämpfer als Bühnenheld
Ein Musical über das Leben und Wirken eines Demokratiepioniers ist noch heute und morgen im Butzbacher Bürgerhaus zu sehen. „Aus freien Stücken“ lautet der Titel. Ursprünglich als Aufführung der Musical-AG der Weidigschule konzipiert, hat ein Verein nach der Absage in der Pandemie die weitere Umsetzung übernommen. Damit haben unter anderem Ehemalige des Butzbacher Gymnasiums zum 150. Geburtstag ihrer Schule und zum 235. Geburtstag des Namenspatrons der Stadt ein besonderes Geschenk gemacht. Im Szenenfoto zeigen die Schüler in Butzbach, dass sie von Lehrer und Konrektor Weidig (Henrik Stolte) begeistert sind.
thq/FOTO FANSLAU » SEITE 23


Die Last auf den Schultern: Mit der Französischen Revolution und den Bauernaufständen in Deutschland beginnt die Geschichte.
RÜDIGER FANSLAU (5)
„Ganz im Sinne Weidigs“
Er ist der Namenspatron der Stadt Butzbach: Friedrich Ludwig Weidig. Vor 235 Jahren wurde er geboren. Zu seinen Ehren hat sich ein Verein gegründet, der nun ein Musical über den Demokratiepionier aus Oberhessen auf die Bühne bringt, das es fast nicht dorthin geschafft hätte.
VON RUDIGER FANSLAU
Butzbach — Am Donnerstagabend hat das Musical „Weidig — Aus freien Stücken“ Premiere. Die Musical-AG der Weidigschule hat es bereits 2018 entwickelt, und 2020 hätte es aufgeführt werden sollen. Doch die Restriktionen unter Pandemie-Bedingungen ließen das nicht zu, und auch die Verschiebung um ein Jahr rettete das Stück nicht vor seinem Untergang.
Längst haben die damaligen Schüler Abitur gemacht, sind berufstätig, manche haben bereits eine Familie gegründet. Doch die Idee zu dem WeidigMusical lebte weiter.
Wer sie zuerst hatte, das Stück wiederbeleben zu wollen, kann heute niemand mehr sagen. Der Korpsgeist in der langen Tradition der Musical-AG und die Verbundenheit zur Weicligschule müssen aber derart stark sein, dass sich über 100 Menschen zusammenfinden, um das damals abgesagte Stück wiederbeleben zu wollen. „Der Gedanke ‚waberte‘ in der Gruppe scheinbar schon seit Jahren“, erklärt die Pressesprecherin des Vereins, Leonie Mihm. „Das jüngste Mitglied ist sieben, das älteste 70 Jahre alt.“
So schalten sich Schüler aus mehr als zwanzig Jahrgängen online zusammen und gründeten den Verein „Musical Butzbach“. Jonathan Weide und Alexander Fischer übernehmen den Vorsitz, Max Pfreimer die musikalische Leitung. Man holt Schüler der Musical-AG aus dem Produktionszeitraum 2018 bis 2021 mit ins Boot und gewinnt mit Jana Ibold und Lioba Schmukat, Ehefrau von Pfreimer, „zwei starke Frauen, die dem Projekt neues Leben einhauchten“, so Weide in seiner Danksagung. Zusammen mit Anne Stellberger und Ariane Kurz schreiben sie das Drehbuch.
Wer eine Rolle übernehmen will, schickt Videos an das Produktionsteam, das die Darsteller auswählt. So wird das Stück „virtuell“ besetzt. Jeder probt seine Rolle für sich allein; die Wohnsitze liegen über Deutschland verteilt und lassen keine gemeinsamen Proben zu.
Bühnenreif binnen fünf Tagen
Erst kurz vor der Premiere kommt man zusammen, um an nur fünf Tagen das Stück bühnenreif zu inszenieren — einschließlich Ton, Licht, Requisite, Bühnenbild, Tanz und Choreografie, der live eingespielten Musik und den Chorprobenunter Leitung von Carolin Ratz.
Sponsoren werden gefunden, um das Projekt realisieren zu können. Die Weidigschule und die Evangelische Gesamtkirchengemeinde Nördliche Wetterau stellen Probenräume zur Verfügung, teilweise wird sogar in der Markuskirche geübt.
Parallel entwickelt das Team um Leonie Mihm die Grafik, das Programmheft, die Internet-Präsenz und den Ticket-Shop. Jana Ibold bringt ihr erstes Kind zur Welt, das fortan immer dabei ist „Seit Februar haben fünf Frauen von uns ein Baby bekommen“, erzählt Mihm.
Dass dieses Musical von ehemaligen Schülern anlässlich des 150-jährigen Bestehens der Weidigschule inszeniert wurde, außerhalb des regulären Lehrbetriebs und durch Eigeninitiative, beeindruckt Schulleiterin Barbara Plock sehr. „Ich kann Ihnen, liebe Mitwirkende und Gäste, gar nicht sagen, welche Emotionen diese Tatsache in mir auslöst.“ Es sei wunderbar, Menschen, die man über einige Zeit ihres Lebens intensiv begleitet habe, wiederzusehen und in dieser Armirrung zu erkennen, „dass Schule doch eine tiefere Bedeutung hat als nur zweckmäßig das Abitur zu erlangen.“ Der Verein schaffe mit dieser Aufführung ein Angebot, von dem alle Bürger profitieren können. „Dies wäre ganz im Sinne Weidigs gewesen.“
„Mit diesem Musical haben wir nicht nur eine künstlerisch beeindruckende Aufführung gesehen“, so Bürgermeister Sascha Huber in seinen Dankesworten, „sondern auch eine tief berührende Reise in die Geschichte Weidigs und seiner Werte.“ Sie habe gezeigt, „wie viel Mut es braucht, für Freiheit und Gleichheit einzustehen. Das zeigt uns sein unbeugsamer Geist — bis heute. Und gerade dieses ,bis heute‘ macht das Musical so wertvoll.“
Gerührt, beeindruckt und fast schon könnte man sagen: solidarisch — steht das Publikum auf, als am Ende Jonathan Weide Mut macht, weiterhin für Freiheit und Gleichheit einzustehen.
Vorstellungen
Aufführungen finden auch heute um 19 Uhr, morgen um 14 Uhr statt. Restkarten unter www.weidig-musical.de und in der Buchhandlung Bindernagel in Butzbach.

Nicht immer, einer Meinung: Georg Büchner (Emma Hoppe) und Weidig (Henrik Stolte) im Disput.

Die Apfelpresse ist keine Druckerpresse: Wie der Butzbacher Polizeichef Stölpli (Arne Wagner) an der Nase herumgeführt wird.

Nach dem Vorbild Jahns führt Weidig Leibesübungen in seinem Unterricht ein.

Emotionale überwältigt von der Premiere: Die Produktionsleiterinnen Jana Ibold und Lioba Schmukat kämpfen mit den Tränen.
Butzbacher Zeitung, 09.05.2026


