Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Weidigschüler befragten Zeitzeugen

Workshop mit Wolfgang Lauinger zur Ausplünderung der Juden nahm überraschende Wende


BUTZBACH. "Jimmy-Jimmy Hosen", "Harlem-Club" "Goody-goody"! Begriffe, die dem Geschichtsleistungskurs der Jahrgangsstufe 12 von der Weidigschule auf überraschende Weise plötzlich sehr nahe gingen und auf die sie niemand vorbereitet hatte. Am 09. März 2006 machten sich der Leistungskurs unter Leitung des Tutors Andrej Keller in Butzbach auf. Ziel war das Wetterau Museum in Friedberg. Hier sollte eine Ausstellung mit dem Titel "Legalisierter Raub. Der Fiskus und die Ausplünderung der Juden in Hessen 1933-1945" besucht werden. Frau Stengel vom Fritz-Bauer-Institut in Frankfurt erwartete den Leistungskurs und führte auch durch die Ausstellungsräume. Kern des Workshops war jedoch ein Zeitzeugengespräch mit Herrn Wolfgang Lauinger, der auch über die Ausplünderung seines jüdischen Vaters berichtete. An diese thematische Vorgabe hielt er sich jedoch nicht lange und begann fesselnd, packend und mir mitgebrachter Musik über seine Jugend im Dritten Reich zu berichten. Nachstehenden Bericht verfasste die Weidigschülerin Pia Koch.

Wolfgang Lauinger, der 1918 geboren wurde, legte gleich zu Beginn zwei CDs ein, und spielte den etwas verdutzen Schülern seine geliebte Jazz-Musik vor. Erst 15 Jahre war Herr Lauinger alt, als das Naziregime an die Macht kam. Das erste einschneidende Erlebnis für ihn war die Zwangsauswanderung seiner Eltern im Jahre 1939, denn sein Vater und seine Stiefmutter waren jüdischer Abstammung und konnten nur weiteren Jahren in einem Konzentrationslager entgehen und der sicheren Ermordung in den nationalsozialistischen Vernichtungslager durch die Flucht aus Deutschland entgehen. Nun bekam auch der junge Wolfgang Lauinger die „Launen der neuen Regierung“ zu spüren und durfte im Jahre 1933 bald nicht mehr mit alten Freunden spielen. Die Eltern seiner Spielgefährten und Gefährtinnen hatten ihren Kindern verboten mit einem Halbjuden weiterhin zu verkehren.

Doch Herr Lauinger nahm dieses Schicksal nicht an und gründete mit anderen Jugendlichen im Jahre 1939 den „Harlem-Club“ in Frankfurt am Main. Dieser Zusammenschluss von jungen Männern und Frauen im Alter von 15 bis 25 Jahren stand unter dem Motto der „Swing Jugend“. Man traf sich nun in Frankfurter Kaffeehäusern, oder zu Hause zu sogenannten „Hausbällen“ um dort ausgiebig zu feiern. Der Hauptbestandteil dieser Treffen war das Hören von Swing und Jazz. Aus den alten Grammophonen drangen Lieder von Louis Armstrong oder Glenn Miller. Es wurde getanzt zum Rhythmus von „Goody-goody“ oder „Harlem“. Dieser Zusammenschluss von circa 40 bis 50 Personen war den Nationalsozialisten ein Dorn im Auge und somit wurde der „Harlem-Club“ noch im Gründungsjahr von der Gestapo aufgelöst und verboten. Es kam zu zahlreichen Verhaftungen und Verweisen in Jugenderziehungsheime. Sogar ein 16-jähriger wurde für zwei Monate zu Einzelhaft verurteilt, da ihm vorgeworfen wurde, Wurst aus der Metzgerei seines Vater gestohlen zu haben.

Doch nicht nur das Hören der Swing Musik war den Nazis ein Gräuel, sondern auch die Art, wie sich die Anhänger der „Swing Jugend“ kleideten und verhielten. „Lange Haare, Hornbrille und Jimmy-Jimmy Hosen“ so die treffende Bezeichnung von Lauinger zum Kleidungsstil der männlichen Swing-Anhänger. „Der Hosenstoß hatte bei manchen eine Weite von 70cm. [...] Die Mädels gebrauchten in übermäßiger Weise kosmetische Artikel. [...] Es wurde viel geraucht und mitgebrachter Alkohol getrunken.“ heißt es in einem Gestapobericht aus dem Jahre 1939, aus dem Herr Lauinger vorlas. So etwas passte nicht ins Bild eines deutschen Jugendlichen, der entweder der Hitler Jugend oder dem Bund deutscher Mädel angehörig sein sollte. Viele „Harlem-Club“ Mitglieder wurden also nun, nach der Auflösung, ins Militär eingezogen. Auch Herr Lauinger wurde nach zwei Monaten Haft im Jahre 1940 zur Armee berufen. Nach einem halben Jahr Grundausbildung in Wetzlar wurde er jedoch aufgrund seiner Abstammung entlassen. Es wurde ihm ebenfalls verboten die Hitler Jugend zu besuchen, oder gar eine deutschen Freundin zu haben.

So waren für Herrn Lauinger die Tage der Swing Jugend und seines „Harlem-Clubs“ gezählt. Nachdem Herr Lauinger in den letzten fünf Jahren des Krieges in Pforzheim gelebt hatte, kehrte er ebenso wie sein Vater aus dem Londoner Exil 1945 nach Frankfurt zurück. Doch, so Lauinger, „ Es war nur noch eine lose Verbindung zu meinem konservativen Vater vorhanden“. Lauingers rebellische Einstellung von vor 60 Jahren hatte sich nicht geändert und auch bis heute strebt er an, junge Menschen über die Taten des Naziregimes aufzuklären. Lauinger liegt es am Herzen zu informieren. So verteilte er ein selbstgeschriebenes Flugblatt gegen den Irrsinn der Neonazis und deren Wunsch wieder eine totalitäre Regierungsform in Deutschland an die Macht zu bringen. „Man kann ja stolz sein ein Deutscher zu sein, aber man soll mich nicht zwingen, den gleichen Unsinn zu denken, oder?“ fragte er die Butzbacher Schüler.

Mit begeisterndem und respektvollem Applaus bedankten sich die Weidigschüler und waren zu guter letzt nicht schlecht erstaunt als Herr Lauinger noch Folgendes preisgab: „Ich hab noch viel vor. Bei schönem Wetter fahre ich auch immer noch gerne Motorrad.“ Damit verabschiedete sich der 88-Jährige um noch mehr Interessierten die „Chance zur Klarsicht“ zu ermöglichen.

Sehr wissenschaftlich hatte dieser Vormittag begonnen und sehr menschlich ging er zu Ende. Die Schüler staunten nicht schlecht über Herrn Lauinger.

(c) Butzbacher Zeitung, 25.03.2006

 

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