Zur Geschichte der Weidigschule
Dr. Friedrich Ludwig Weidig, der Namensgeber unserer Schule

 

Aus der Geschichte der Weidigschule

Dr. Friedrich Ludwig Weidig und die Weidigschule

Weidig und die Entwicklung der Weidigschule

Wie kam F. L. Weidig zu Tode?

Auf den Spuren von F. L. Weidig (Stadtführung)

Der Schulalltag 1928/29

 

 

AUS DER GESCHICHTE DER WEIDIGSCHULE

(Ein kurzer historischer Überblick, der sich im wesentlichen auf die bekannte Schrift des Prälaten Dr. D. DiehI „Zur Geschichte der Butzbacher Lateinschule" und auf Akten und Urkunden der Schule stützt.)

Die Weidigschule, deren großzügig gestalteten Neubau wir in diesen Tagen auf besondere Art einweihen konnten, kann auf eine lange und stolze Tradition zurückblicken.

Unter den zur Zeit noch bestehenden 137 Gymnasien Hessens, zu denen noch 41 höhere Privatschulen kommen, steht sie, was das Alter angeht, an 6. Stelle. Sie hat sich, wenn auch nicht unmittelbar, so doch historisch aus der alten Butzbacher Lateinschule entwickelt, die im Verlauf der Reformation auf Betreiben des Landgrafen Philipp des Großmütigen eingerichtet wurde.

Schon in vorreformatorischer Zeit gab es in Butzbach eine städtische Schule, die mit der Gründung des Kugelhauses durch die Grafen von Königstein im Jahre 1468 an die KugeIherren übergegangen war. Die wegen ihrer runden Kopfbedeckung so benannten „Brüder vom gemeinsamen Leben" (fratres de communi vita) und ihre Stiftsschule hatten mit dem Aufkommen der Reformation immer mehr an Bedeutung und Einfluß verloren. Nach langwierigen Verhandlungen mit den Mitherren der Stadt (Königstein-Stolberg und Solms) kam es endich zu einer vom Rat und der Stadt freudig begrüßten Vereinbarung.

In der Sitzung vom 6 . März 1540 , die man als die Geburtsstunde der Butzbacher Lateinschule ansehen darf, wurde zugesichert, daß die Schule mit einer „tuglichen Person wie begert" bestellt und die Besoldung des künftigen Schulmeisters aus den Einkünften des Kugelhauses bestritten werden soll.

Finanziell durch das zum Fonds erklärte Vermögen des Kugelhauses gesichert, konnte sich die „Schola Butisbacensis", wie sie in den Urkunden des 16. und 17. Jahrhunderts genannt wurde, überaus günstig entwickeln. Die anwachsende Schülerzahl machte im Jahre 1556 die Anstellung einer z. Lehrkraft notwendig, so daß nun 2 Klassen gebildet werden konnten, eine deutsche für die Anfänger und eine lateinische für die Fortgeschrittenen. Unterrichtsziel für die Lateinschule war die Vorbereitung zur Sekunda des Marburger Pädagogiums, der damals einzigen Schule im Lande, die den unmittelbaren Obergang zur Universität vermittelte.

Personelle Schwierigkeiten, verursacht durch eine Überlastung des z. Schulmeisters mit Kirchendienst, wurde durch Loslösung des Schuldienstes vom Pfarrdienst bald behoben, und gegen Ende des Jahrhunderts gab es in Butzbach mehr Schüler als in Friedberg, dem „oppidum Wetteranorum", so daß die Anstellung eines 3. Lehrers, der gleichzeitig den Organistendienst versehen sollte, unmittelbar bevorstand. Der große Brand im Jahre 1603, dem Teile des Schlosses und über 100 Häuser mit Nebengebäuden zum Opfer fielen, machte diese Absicht auf lange Zeit zunichte. Erst unter der für Schule und Stadt gleichermaßen bedeutenden Regierung des Landgrafen Philipp III von Hessen-Butzbach (1609 - 1643) konnte eine 3. Lehrerstelle eingerichtet werden. Das große Interesse, das dieser hochbegabte Fürst, der mit den berühmtesten Gelehrten und Forschern seiner Zeit, u. a. mit Galilei und Kepler, in Verbindung stand, für die Schulen seines kleinen Landes und besonders für die Lateinschule seiner Residenzstadt Butzbach zeigte, erkennt man vor allem an der Sorgfalt, mit der er die Männer auswählte, die als Rektoren, Konrektoren und Lehrer an seine Butzbacher Schule berufen werden sollten. Daher behauptet Diehl zu Recht, „daß es zu damaliger Zeit in Hessen keine Stadt gab, in der eine gleiche Reihe wirklich hervorragender Gelehrter die Schulleitung in Händen hatten."

Und so ist es nicht verwunderlich, daß trotz der Schrecken und Wirren des Dreißigjährigen Krieges, in dem allenthalben Schulen eingingen, die Butzbacher Lateinschule den Grund zu ihrer höchsten Blüte legte und zu einer gewissen Berühmtheit gelangte. Als Beweis für das wissenschaftliche Niveau der Schule mag die Tatsache dienen, daß Absolventen der Lateinschule unmittelbar zur Universität entlassen werden konnten, die Schule also mit ihren Lehrzielen an die Stelle eines Pädagogiums hätte treten können.

Doch die gegen Ende der Epoche der Glaubenskämpfe um sich greifende weltliche Gesinnung und das Vertrauen auf die Kraft von Denken und Vernunft, nachhaltig verstärkt durch Leistungen der Naturwissenschaften, zwangen auch das Bildungswesen in neue Richtungen und stellten den weitgehend von der Theologie her geprägten Schultyp immer mehr in Frage. So nimmt es nicht Wunder, daß auch an der Butzbacher Schule die Schülerzahl der Lateinschule ständig abnahm, eine Entwicklung, die auch durch eine Stiftung des Rektors CIermont für die besten Lateinschüler nicht aufzuhalten war. Man maß damals der lateinischen Sprache keine allzu große Bedeutung mehr zu und legte dafür mehr Wert auf die gründliche Erlernung eines Handwerks und auf die Aneignung der hierfür erforderlichen Schulkenntnisse. Die Schule hatte die Form einer gehobenen Volksschule angenommen, doch bestand nach wie vor die Möglichkeit, in „Extrastunden" Schülern in den alten und neueren Sprachen genügend Anweisung zu geben, um ihnen so den Weg zum Studium zu ermöglichen. Zu diesem Zweck wurde, vor allem auf Drängen der Bürgerschaft, die Schulordnung aus dem Jahre 1777 mit der Maßgabe ergänzt, daß außer den beiden städtischen Geistlichen stets zwei Theologen mit den Amtstiteln Rektor und Konrektor die obersten Klassen leiten und dort den Fremdsprachunterricht erteilen sollten.

Diese „Rektoratsschule" bestand bis zur Errichtung der „Höheren Bürgerschule" im Jahre 1876. In diese Zeit fällt auch das Wirken des Mannes, der nicht nur für die Schule und die Stadt Butzbach, sondern auch für die politische Entwicklung der damaligen Zeit von großer Bedeutung war, des Rektors und Pfarrers Dr. Fr. L. Weidig.

Aber die Zeit ging weiter. Der fortschreitenden Entwicklung der durch die „industrielle Revolution" gekennzeichneten z. Hälfte des 19. Jahrhunderts war die alte Rektoratsschule nicht mehr gewachsen, und der fortschrittliche Teil der Bevölkerung forderte den Ausbau der Schule zu einer Realschule. Nach langwierigen Verhandlungen und heftigen Diskussionen innerhalb der Bürgerschaft wurde 1886 mit dem Ausbau der zwischenzeitlich eingerichteten Höheren Bürgerschule zu einer Realschule begonnen und 1889 die erste Prüfung für die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst durchgeführt. Drei Jahre später erfolgte die Anerkennung als staatliche Realschule II. Ordnung. Der glänzende Aufschwung, den die neue Schule danach nahm und der sie zum Mittelpunkt des kulturellen Lebens der Stadt machte, fand in dem prächtigen Neubau, der 1902 eingeweiht wurde, seinen äußeren Ausdruck.

Im weiteren Verlauf der Entwicklung sei noch auf die bald darauf erfolgte Gleichstellung der Reifezeugnisse aller höheren Schulen des Landes verwiesen, der zufolge erfolgreiche Absolventen unserer Schule ohne weiteres in die Unterprima einer Oberrealschule eintreten konnten.

Der erste Weltkrieg mit seinen anfänglichen Erfolgen und dem späteren Zusammenbruch bewegte das Leben der Schule tief. Vielerlei Störungen beeinträchtigten den Unterrichtsablauf. Aber trotz aller Erschütterungen durch den Krieg nahm die innere Entwicklung der Schule einen gedeihlichen Fortgang.

Nach Kriegsende stand als wichtigste Frage der weitere Ausbau der Schule zur Entscheidung, da die Schülerzahl im Laufe des Schuljahres 1923/24 auf die seither noch nie erreichte Höhe von 263 Schülern gestiegen war. Dank der Opferwilligkeit der Eltern und der ansässigen Industriebetriebe erklärte sich die Stadt trotz angespannter Finanzlage bereit, die Kosten für den Ausbau der Schule zu übernehmen. Nach behördlicher Genehmigung wurde Ostern 1924 die Unterprima und im nächsten Jahr die Oberprima eingerichtet, und Ostern 1926 fand die erste Reifeprüfung statt. 50 Jahre nach Einweihung der höheren Bürgerschule hatte Butzbach nun eine staatlich anerkannte Oberrealschule. Sie erhielt anläßlich der 50-Jahr-Feier im Jahre 1926 offiziell den Namen des früheren Rektors Friedrich Ludwig Weidig.

Ein kurzer Oberblick bis zum Ende des z. Weltkrieges möge die wechselvolle Geschichte der Schule beenden. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten kam es auch zu einer Neugestaltung des höheren Schulwesens. Die Weidigschule wurde in eine Oberschule für Jungen umgewandelt mit Englisch statt bisher Französisch als erste Fremdsprache.

Der 2. Weltkrieg, Hitlers totaler Krieg, brachte Deutschland die totale Niederlage, eine Katastrophe, die in der neueren Geschichte ohne Beispiel ist. Alle Schulen waren geschlossen, da die meisten Lehrer entlassen und die Gebäude zu schulfremden Zwecken beschlagnahmt worden waren.

Erst Anfang 1946 konnte für 120 Jungen und Mädchen eine Art Betreuungsunterricht eingerichtet werden. Dank der Fürsorge der Stadtverwaltung und der Selbsthilfe der Schüler konnte das eigene Schulgebäude wieder in einen gebrauchsfähigen Zustand versetzt und am 2. April 1946 die Schule mit 263 Schülern neu eröffnet werden. Da nach den neuen Lehrplänen nunmehr Latein allgemein verbindliches Lehrfach geworden war, hatte die Schule damit den Charakter eines ReaIgymnasiums erhalten.

(HELMUT HABERMEHL)

aus der Festschrift anlässlich der Einweihung des Neubaus im Jahr 1972

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DR. FRIEDRICH LUDWIG WEIDIG UND DIE WEIDIGSCHULE

Im Rahmen dieser Festschrift kann nur in sehr knapper Form erläutert werden, warum die Schule seit 1928 den Namen Weidigs trägt.

Dr. Friedrich Ludwig Weidig wurde am 15. 2. 1791 in Oberkleen geboren. Seine Mutter gehörte zu der Familie Liebknecht. Aus dieser Familie sind auch die späteren Politiker Wilhelm und Dr. Karl Liebknecht hervorgegangen. Weidigs Vater ließ sich wegen der Gebietsveränderungen durch den Reichsdeputationshauptschluß (1803) nach Butzbach versetzen. Seit dieser Zeit ist Weidig mit Butzbach und seiner alten Lateinschule in mehrfacher Weise verbunden.

In den Konfirmandenlisten der Markusgemeinde ist sein Name noch zu finden. Im Protokollbuch der Clermontschen Stiftung, der einzigen Urkunde im Archiv der Weidigschule aus der Zeit Weidigs, ist der Name Weidigs unter den Preisträgern leider nicht nachweisbar, weil die entsprechenden Seiten fehlen. Das Fehlen dieser Seiten erklärt der Eintrag:

"Per militem Franco-Gallum, in meo auditorio pernoctantem, hic liber, forte in mensa jacens, scissus est anno MDCCCIX" (durch einen französischen Soldaten, der in meinem Klassenraum übernachtete, sind diese Seiten aus dem Buch, das zufällig auf dem Tisch lag, herausgerissen worden im Jahre 1809).

Weidigs Vorbereitungszeit zum Studium am Pädagogium in Gießen, das Studium der Theologie und die Erlangung der Doktor-Würde an der Philosophischen Fakultät sind in Gießen in mehreren Urkunden nachweisbar. Im Alter von 21 Jahren kehrt Weidig mit Wirkung vom z. 3. 1812 als Konrektor an die Lateinschule in Butzbach zurück, war ab 1824 ihr Rektor bis er am 7. 9. 1834 auf Grund einer Strafversetzung seinen Dienst als Pfarrer in Obergleen bei Alsfeld antrat.

22 Jahre wirkte Weidig als Lehrer und Rektor der Schule in Butzbach. Aber selbst seine schulische Arbeit stand von Anfang an unter politischen Gesichtspunkten, die Kirchen- und Schulakten geben jetzt noch darüber reichlich Auskunft.

Nach außen hin pflegen am stärksten die Turner die Erinnerung an Weidig, weil er seit 1814 als erster in Hessen auf dem Schrenzer mit seinen Schülern im Freien turnte, auch unter dem Gesichtspunkt zur Vorbereitung des Freiheitskampfes gegen die Herrschaft Napoleons. 1849 wurde auf dem Schrenzer der Weidighain gepflanzt, seit 1906 gibt es eine Weidigstraße. Ab 1937 findet jedes Jahr auf dem Schrenzer das Weidigbergturnfest statt. Der gleichzeitig aufgestellte Gedenkstein erhielt 1967 ein Bronzerelief Weidigs.

Schon als Student in Gießen war Weidig politisch tätig. „So ging sein Streben dahin: im Zusammenwirken mit gleichgesinnten Freunden die Rohheit, Gemeinheit und Trinksucht von der Universität zu entfernen und Sinn für Wissenschaft und Vaterlandsliebe zu festigen . . ." (Büchner, 17. 9. 1848). Von seiner Mutter geprägt war Weidig Zeit seines Lebens ein gläubiger Theologe, und gerade in seinen Predigten erregt Weidig politisch Anstoß. So wird ihm im November 1818 nach einer Predigt vorgeworfen, daß er „. . . sich erlaubt habe, von der Kanzel für Landstände und um einen Kaiser zu beten, um die Schmach des Deutschen Volkes endlich zu enden . . ." Immer stärker setzt sich Weidig im Kampf für die in einer demokratischen Verfassung gesicherten Rechte der Freiheit für das Volk ein, er wird zur bedeutendsten Persönlichkeit der demokratisch-nationalen Verschwörer Hessens.

Seine Flugschriften, „Leuchter und Beleuchter für Hessen oder der Hessen Notwehr" stehen unter dem Motto „Recht und Gesetz". Die mit Georg Büchner herausgegebene Flugschrift „Der Hessische Landbote" trägt die Oberschrift „Friede den Hütten - Krieg den Palästen". Im Zusammenhang der Verbreitung seiner Flugschriften wurde Weidig am 25. 4. 1835 in Obergleen verhaftet. Anders als Georg Büchner hatte er das Angebot zur Flucht abgelehnt und starb am 23. z. 1837 in Darmstadt in Untersuchungshaft.

Sein Tod im Gefängnis wurde als Musterbeispiel der verbrecherischen Inquisitions-Prozeßführung in der Öffentlichkeit angeprangert. Zunächst gaben seine Freunde die „Reliquien" heraus, eine Sammlung von 3 Predigten und 27 Gedichten Weidigs. Schon im März 1848 bildete sich die „Weidigstiftung", die sich die Pflege des Grabes in Darmstadt und die Beschaffung von Buchpreisen für Schüler in Butzbach und Obergleen zur Aufgabe stellte.

Weidig wird als sehr guter Pädagoge gelobt. So heißt es in den Akten der Philosophischen Fakultät in Gießen „Auch ist es richtig, daß die von Herrn Conrektor Weidig . . . für die Universität vorbereiteten Jünglinge sich in den Maturitätsprüfungen von den anderswo vorbereiteten in der Regel vorteilhaft auszeichnen." Mehrmals steht Weidig an erster Stelle auf der Vorschlagsliste für besondere Prämien durch die Regierung. Neben Religion, Deutsch, Geschichte und Erdkunde lag der Schwerpunkt seiner schulischen Arbeit gerade in Mathematik, Physik und Botanik. „. . . besonders exellieren die Schüler aber immer in einem mit besonderer Liebe im vorhergehenden Semester bearbeiteten Lehr-Gegenstände". Diesmal war dies die reine Mathematik" (2. 4. 1823), „. . . besonders aber erwähnen, daß er seinen Schülern in außerordentlichen Stunden schöne Anleitungen zum praktischen Feldmessen sowie zum Zeichnen gegeben hat . . ." (17. 4. 1825), „. . . und wußten Astrolabium zum Ausmessen von Fläch und Höh wohl zu gebrauchen . . ." (27. 9. 1825), „. . . in der Mechanik, welche als neuer Unterrichtsgegenstand an dieser Schule vorkam . . ." (28. 4. 1822), „ . . Botanisiert habe ich in dem Sommer wenig . . . Bedürfnisse an Lehrmitteln: Ein Globus . . ." (25. 9. 1828), „. . . Eine Elektrisiermaschine würden die Schüler mit Dank annehmen . . ." (10. 4. 1830). Somit war Weidig selbst in den Forderungen an Lehrmitteln hoch modern.

Die überaus vielseitige Persönlichkeit Weidigs läßt sich nicht in ein Klischee pressen. „Fragt man: Wie Weidig, wenn er noch lebte, die Jetztzeit aufgefaßt, zu welcher Partei er sich geschlagen hätte? so halte ich diese Frage für sehr müßig . . . . weil Weidig gewiß immer nur seiner Oberzeugung gefolgt wäre. Er stehe da als Wegweiser . . . in die Zeit der Freiheit und Gerechtigkeit (Büchner, 17. 9. 1848). Gerade auch für die heutige Schülerschaft sei zum Verständnis Weidigs auf zweierlei hingewiesen:

Über den Namenslisten der Preisträger aus der Clermontschen Stiftung steht jedesmal von der Hand Weidigs eingetragen:
„Discipuli praemiis virtutis et diligentiae digni" (Schüler, die der Auszeichnungen würdig waren auf Grund innerer und äußerer Ordnung).

Die Verleihungsurkunde der Preise aus der „Weidigstiftung" lautete:
„Weidigs-Prämium. Dieses Prämium wurde gestiftet im Jahre 1848 zum Andenken an den am 23. Februar 1837 verstorbenen Pfarrer Dr. Friedrich Ludwig Weidig, einem Mann, der sich durch die seltensten Eigenschaften des Geistes und Herzens auszeichnete. Brave und fleißige Schüler in Butzbach und Obergleen, wo Weidig als Lehrer und Seelsorger segensreich wirkte, sollen dieß Prämium erhalten. Ertheilt dem durch die Wahl seiner Mitschüler würdig befundenen . . . im Herbst 18 . . .".

(WERNER MEYRAHN)

aus der Festschrift anlässlich der Einweihung des Neubaus im Jahr 1972

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Weidig und die Entwickung der Weidigschule

Aus der alten Lateinschule der Kugelherren vom Jahre 1470 hatte sich schließlich über eine Höhere Bürgerschule und Realschule eine Oberrealschule entwickelt. Nach dem ersten Abitur 1926 wurde von der Stadt Butzbach der Schule der Name "Weidigschule" verliehen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird seitdem an dieser Schule an ihren Namensgeber gedacht. Mit Recht könnte die Frage gestellt werden, ob es überhaupt noch etwas Neues über Weidig zu berichten gibt. Im Hinblick auf die zahlreichen Veranstaltungen anläßlich seines Todes vor 150 Jahren im Gefängnis in Darmstadt am 23. Februar 1837 wurden noch einmal alle fraglichen Archive auf Quellen von Weidig untersucht - und dabei eine alle Erwartungen übertreffende Fülle zu Tage gefördert.

Friedrich Ludwig Weidig wurde am 15. Februar 1791 in Oberkleen geboren, kam 1803 mit seinen Eltern nach Butzbach, studierte von 1808 - 1811 in Gießen Theologie, war von 1812 - 1834 Konrektor und Rektor der Schule in Butzbach, wurde nach Obergleen bei Alsfeld als Pfarrer versetzt, dort am 22. April 1835 verhaftet, nach Darmstadt in Untersuchungshaft gebracht, wo er unter tragischen Umständen verstarb.

Ob Weidig zu den besten Schülern der Schule in Butzbach gehörte, läßt sich nicht mehr nachweisen, weil im Protokollbuch der Clermontschen Stiftung die entsprechenden Seiten von einem französischen Wachsoldaten seinerzeit herausgerissen wurden.

Während seiner Studentenzeit bekämpfte er den liederlichen Wandel von Studenten, trat immer wieder als Führer und Schriftführer der Studentenschaft hervor und hielt durch Mitgliedschaft in mehreren Verbindungen den Kontakt zu den Studenten. Nach seiner Promotion zum Doktor der Philosophie Ende 1822 wird ihm die Fähigkeit zu einem Gelehrten bescheinigt. Doch er bleibt in Butzbach.

Durch sein pädagogisches Geschick und seinen Eifer wird er mehrmals gelobt und ausgezeichnet. In der englischen Zeitung "The Morning Chronicle", London, vom 16. November 1819 wird die Schule Butzbach neben der in Eisenach als Musterschule in Deutschland erwähnt.

Neben seiner umfangreichen pädagogischen Tätigkeit war Weidig von Anfang an politisch tätig und schließlich die führende Persönlichkeit der Opposition weit über Oberhessen hinaus im Kampf um Freiheit, Recht und Verfassung. So ist auch schon seine Gründung des ersten hessischen Turnplatzes im Jahre 1814 auf dem Schrenzer in Butzbach zu sehen.

Ab 1818 wird er politisch beschattet. In dem Reisebericht über die Visitation der Wetterau durch den Staatsminister K. L. von Grolmann vom Jahre 1825/26 heißt es über Weidig: "Der belobte Rektor Weidig, den das demagogische Präjudiz am verdienten Fortkommen hindert". Um größere politische Bewegungsfreiheit zu erlangen, bewirbt er sich 1825 um eine Pfarrstelle in Dortelweil, das politisch zu dem liberalen Frankfurt gehörte. Die Zusammenarbeit mit Georg Büchner und die Herausgabe des "Hessischen Landboten" führten schließlich zu seiner Strafversetzung als Pfarrer nach Obergleen und zu seiner Verhaftung.

Seine Schüler nahmen unsagbare Leiden der Verfolgung auf sich und hielten das Gedächtnis an ihn wach. Wilhelm Braubach, der sieben Jahre im Exil in der Schweiz verbrachte und am Totenbett von Georg Büchner in Zürich (gestorben 19. 2. 1837) Wache gehalten hatte, hielt nach seiner Rückkehr am 17. Dezember 1845 im Gasthaus "Zum Löwen" in Butzbach folgenden Trinkspruch auf Weidig: "Wir wollen nicht versäumen, uns auch der Männer aus dem Volk zu erinnern, welche mit Eifer, Uneigennützigkeit und Einsicht das köstliche Gut einer landständischen Verfassung mehren halfen, sowie zugleich auch derer, welche ihrer Zeit zur Erlangung einer verfassungsmäßigen Freiheit mitwirkten. Unwillkürlich gedenke ich hierbei eines Mannes, der unserer Stadt, unserem Herzen so nahe stand, daß er wohl nie vergessen werden wird, eines Mannes, der ebenfalls für gesagten Zweck meist thätig war trotz mancher Anfeindung und Verdächtigung, eines Mannes, dessen anerkannter hoher Gemeinsinn und edle Uneigennützigkeit eines nachahmenswerthes Muster seyn. Dem Andenken des Rectors Weidig dieses Glas!"

Paul Hübner, dessen Schauspiel "Der Fall Weidig" 1982 in Bremerhaven aufgeführt wurde, schreibt dazu: "Ich hatte dabei schon länger die Überlegung, warum Büchner, der wahrscheinlich weniger Anteil an den Kämpfen des Kreises um Pfarrer Weidig als dieser selbst hatte, zu großem Ruhm (natürlich als Dichter) gekommen ist, während Weidig den Kopf hinhalten mußte und vergessen wurde".

Professor Dr. Walter Grab von der Universität Tel Aviv stellte anläßlich der Preisverteilung bei der Jubiläumsfeier 1982 in Hambach an Professor Dr. Harald Braun für seine Arbeit: "Das politische und turnerische Wirken von Fr. L. Weidig" fest: "Weidig ist nun aus dem Schatten Büchners herausgetreten und hat den ihm gebührenden Platz neben anderen Liberalen der Vormärz-Zeit eingeräumt bekommen".

Erst seit einigen Jahren ist an der Straßenfront der Weidigschule der Name in blauen Plastikbuchstaben angebracht, 1986 erfolgte ein Nachguß der Bronzetafel vom Weidigstein. Neben einer Reihe von Schülerarbeiten schrieb Dr. Hartwig Lödige 1983 seine Hausarbeit für die zweite Staatsprüfung: "Wer war Weidig?" Trotzdem kann das Quellenmaterial über Weidigs Lehrtätigkeit nicht als aufgearbeitet gelten.

Werner Meyrahn (1910-1996) in einer Schulbroschüre der Weidigschule zum Weidigjahr 1987

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Wie kam F. L. Weidig zu Tode?

1991 feierte die mittelhessische Lokalgeschichte den 200. Geburtstag von Dr. Friedrich Ludwig Weidig, der am 15. Februar 1791 in Oberkleen (heute Ortsteil von Langgöns) geboren wurde, und der als Pädagoge, Theologe, Literat, Turner und auch als Revolutionär sich einen Namen bzw. Ruf erwarb, der bis heute im Schatten von Georg Büchner steht. In Butzbach und seinem Geburtsort Oberkleen gab es damals Festveranstaltungen, Vorträge und in Butzbach eine Sonderausstellung des Museums zum 200. Geburtstag Weidigs gegeben. Doch weder 1991 noch im Weidig-Jahr 1987, als man des 150. Todestages von Weidig gedachte, konnten die näheren Umstände seines Todes aufgeklärt werden.

Dr. Alexander Friedrich Ludwig Weidig, so der vollständige Name, verstarb am 23. Februar 1837 gegen 11 Uhr in seiner Zelle im Darmstädter Gefängnis. In diesen Tagen gedenken wir also des 160. Todestages des Mannes, der auch als Vorläufer demokratischer Ideale angesehen werden kann und auf den der Terminus "Revolutionär" sicherlich nicht, wie im heutigen Sinn gebräuchlich, angewendet werden darf. Von den Behörden wurde Weidig als "Revolutionär", als einer, der sich gegen die Obrigkeit, gegen die bestehende Ordnung auflehnt, ausgemacht. In Butzbach scharte er einen Kreis von Gleichgesinnten, von Verschwörern um sich, und durch Flugschriften ("Der Hessische Landbote" ist die bekannteste), die er über Mittelsmänner unters Volk brachte, machte er und sein Kreis auf die bestehenden Mißstände und die Diskrepanz zwischen "arm" und "reich" aufmerksam. Erschwerend kam hinzu, daß breite Teile der verarmten Bevölkerung nicht lesen oder schreiben konnten und die Flugschriften (heimlich) vorgelesen werden mußten. Das war den Behörden natürlich ein Dorn im Auge - Weidig und seine Leute wurden schließlich nach und nach verhaftet. Dr. Weidig, der als Pfarrer, er hatte in Gießen studiert, nach Obergleen (Ortsteil von Kirtorf bei Alsfeld) strafversetzt wurde, um dem mittelhessischen oppositionellen Zentrum seine Haupt-Antriebsfeder zu entziehen, wurde am 22. April 1835 morgens zwischen vier und fünf Uhr vom Alsfelder Kreisrat in seiner Wohnung in Obergleen verhaftet und kam zunächst nach Friedberg ins Gefängnis. Zwei Monate später wurde er mit anderen Häftlingen zusammen nach Darmstadt verlegt.

Was geschah am Morgen des 23. Februar 1837 im Darmstädter Gefängnis in der Zelle von Dr. Weidig? Aufgrund der Akten aus dieser Zeit und den Forschungen von ThomasMichael Mayer und Harald Braun können wir einen relativ dichten Zeitplan entwerfen. Gegen 7.30 Uhr an jenem 23. Februar 1837 findet Gefängniswärter Preuninger Weidig blutverschmiert auf seiner Schlafstelle in der Gefängniszelle. Gegen 7.45 Uhr hat Preuninger Hofgerichtrat Georgi, der durch unzählige mit Foltermethoden durchgeführte Verhöre zum klassischen Feind Weidigs geworden war, über diesen Vorfall unterrichtet. Gegen 8.00 Uhr ist Georgi mit Referent Schäffer und zwei weiteren Gerichtsbeamten eingetroffen und hat die Zelle Weidigs betreten. Zu diesem Zeitpunkt lebte Weidig noch! Gegen 9.45 erschien einer der beiden mittlerweile benachrichtigten Ärzte, der andere kam etwas später. Doch Georgi, der Weidig auch geistig klar unterlegen war, hat die Hilfe noch rund eine Viertelstunde verzögert. Nach 10 Uhr müssen die Ärzte die Zelle Weidigs erst betreten haben, Weidig war also zwei Stunden sich selbst überlassen gewesen. Zudem waren die Scherben, mit denen er sich die Verletzungen zugefügt hatte und die Preuninger bereits gegen 7.30 Uhr gefunden hatte, nicht entfernt worden.

Aufgrund der blutigen Fußspuren in der Zelle läßt sich rekonstruieren, daß Weidig zwischen 9 und 10 Uhr in der Zelle umhergegangen sein muß. In dieser Zeitspanne hat er sich vielleicht die tödliche, mit den Glasscherben verursachten Wunden, die die Ärzte bei ihrer ersten Untersuchung an den Schlagadern beider Handgelenke und Unterschenkel sowie am Hals entdeckten, zwar nicht erst beigebracht, so doch erweitert. Als die Ärzte Weidig fanden, lebte er noch, hatte aber schon zu viel Blut verloren, so daß er nicht mehr gerettet werden konnte.

Er konnte aber noch auf eine Wand in seiner Zelle deuten, wo mit Blut geschrieben stand: "Da mir der / Feind jede Verteidigung / versagt, so wähle ich einen / schimpfl. Tod / von / freien Stücken. F.L.W."

Rein oberflächlich betrachtet handelt es sich um Selbstmord, da sich Weidig die Wunden mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst zugefügt hat. Doch klar ist auch, daß die Behörden (Georgi etc.) Weidig mit ihren Methoden zu dieser Tat und damit in den Tod getrieben haben. Ganz genau wird man die näheren Todesumstände Weidigs wohl nie aufklären können.

Volkmar Köhler

(c) by Butzbacher Zeitung

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Auf den Spuren von F. L. Weidig

Stadtführerin Stefanie Rieck beschreibt Weidigs Leben und Wirken in Butzbach


BUTZBACH. Unter dem Motto "Leben und Wirken von Friedrich Ludwig Weidig" stand am Samstagnachmittag eine Themenführung durch Butzbach. Stefanie Rieck nahm rund 30 Interessierte zu einem kostenlosen und etwa 1 1/2-stündigen Rundgang mit. Vor dem "Weidighaüs" zwischen Hexen- und Kirchplatz entstand unser Bild.

BUTZBACH (dö). Eine spannende Stadtführung auf den Spuren des Butzbacher Schulmannes, evangelischen Theologen, Publizisten, Freiheitskämpfers und Turnvaters Friedrich Ludwig Weidig unternahmen am Samstag die Stadtführerin Stefanie Rieck und zahlreiche Interessierte. "Weidigs Leben und Wirken in Butzbach" nannte sich die fakten- und geschichtenreiche Unternehmung, die etwa 90 Minuten lang zu historischen Stätten führte, die in Butzbach mit Weidig ursächlich in Beziehung stehen.


Vor der ehemaligen Lateinschule, heute Hans Bang, am Kirchplatz.


Stefanie Rieck (re) stellte das Leben Weidigs vor. Links neben ihr Dagmar Storck, die am 12. Juni den Rundgang durch Butzbch leiten wird.


Die beiden Bilder entstanden in der Guldengasse (oben) und vor dem BZ-Verlagsgebäude, in der Langgasse, wo Weidig mit seiner Familie von 1827 bis 1834 wohnte.
 

Friedrich Ludwig Weidig stammte aus dem Butzbacher Nachbarort Oberkleen. Er wurde dort am 15. Februar 1791 als Sohn eines Oberförsters geboren. Sein Vater zog später nach Butzbach, die Familie wohnte in der Griedeler Straße, Ecke Schlossstraße. Der Sohn besuchte die Lateinschule am Kirchplatz (heute Schreinerei Bang), wo er einen sehr guten Unterricht erhielt. Nach einem weiteren halben Jahr am Gymnasium in Gießen studierte Weidig ab Herbst 1808 an der dortigen Universität Theologie. Im März 1812 wurde er zum Konrektor an der Lateinschule zu Butzbach ernannt.

Weidig war ein vorzüglicher Lehrer, dem viel an der allseitigen Ausbildung der Jugend gelegen war. Stefanie Rieck schilderte einen Weidig von tadellosem Lebenswandel und seltener Uneigennützigkeit, der durch seine zutiefst menschliche Art die begeisterte Zuneigung und rückhaltlose Verehrung seiner Schüler gewann. Nach dem Vorbild des Berliners Friedrich Ludwig Jahn führte Weidig mit seinen Schülern Turn- und Exerzierübungen etwa auch mit Holzgewehren durch, übte mit ihnen Laufen, Hüpfen, Springen, ließ sie patriotische Lieder singen und gründete um 1814 einen Turnplatz auf dem Schrenzer, den ersten Turnplatz in Hessen. Weidig rief in Butzbach auch eine "Deutsche Gesellschaft" ins Leben, die politische Zwecke verfolgte. Er proklamierte eine eigene ideale deutsche Verfassung. Dies blieb im Zeichen der Restauration nicht unbemerkt.

Die misstrauische Obrigkeit verdächtigte ihn bald, etwa 1818, revolutionären Lehren gegenüber nicht abgeneigt zu sein. Es gab erste Denunziationen und Bespitzelungen. Wegen politischer Betätigung wurde er im Schulunterricht, in den Predigten und auch privat überwacht. Weidig verwickelte man in den Jahren 1819/20 wegen "revolutionärer Beeinflussung der Jugend" in eine Untersuchung, die jedoch im Sande verlief. 1822 erwarb er den philosophischen Doktorgrad, und im Dezember 1826 wurde er endlich nach langen Jahren des Wartens zum Rektor der Butzbacher Lateinschule befördert. Er führte die Schule zu nie gekannter Größe und hatte einen großen Anhänger- und Freundeskreis.

Im Weidig-Haus am Kirchplatz lebte er für zwei Jahre. Er heiratete Amalie Hofmann, mit der er eine glückliche Ehe führte. Die hessischen Verfassungs- und Kammerstreitigkeiten verfolgte er mit leidenschaftlichem Interesse, die Freiheitskämpfe in Europa mit Begeisterung. 1830 wurde er Augenzeuge des "Blutbads von Södel", als die von ihm ungeliebten Butzbacher Dragoner, die bis 1813 für Kaiser Napoleon gekämpft hätten, in dem Nachbarort wüteten, zwei Bewohner töteten, 17 Bauern verwundeten und etliche Häuser anzündeten auf der vergeblichen Jagd nach längst geflohenen, von purer Not getriebenen Aufständischen aus dem Vogelsberg.

1833, nach. dem Frankfurter Wachensturm, geriet Weidig in eine neue gerichtliche Untersuchung. Man lastete ihm den Umgang mit bekannten Revolutionären an. Weidig verteidigte sich mit großer Festigkeit, leugnete alles und bestritt die Rechtmäßigkeit des gegen ihn eröffneten Verfahrens. Er saß während dessen in Butzbach in einem Privathause unter Bürgerbewachung in Haft. Die Regierung in Darmstadt traute ihm nicht mehr und schickte den Unbotmäßigen auf eine gering dotierte Pfarrstelle,nach Ober-Gleen bei Alsfeld. Weidig gehörte zu den Liberaldemokraten, die ein vereinigtes einiges Deutschland als demokratischen Nationalstaat mit einem Kaiser an der Spitze anstrebten. Deshalb reiste er 1832 nach Südwestdeutschland und half bei den Vorbereitungen des Hambacher Festes, an dem er aber aufgrund der behördlichen Überwachung nicht teilnehmen konnte:

1833 wurde Weidig zum ersten Mal inhaftiert; doch er veröffentlichte trotzdem 1834 illegal vier Ausgaben des "Leuchter und Beleuchter für Hessen (oder der Hessen Notwehr)". Im selben Jahr traf.er erstmals mit Georg Büchner zusammen, eine Begegnung, die ihm schließlich zum Verhängnis werden sollte. Weidig arbeitete ein von Büchner vorgelegtes Manuskript, übrigens gegen dessen Willen, zum "Hessischen Landboten" um. Druck und Verteilung der verbotenen Flugschrift wurden maßgeblich durch Weidig und seine Schüler organisiert. Seit dem 5. April 1834 war Weidig vom Schuldienst suspendiert. Als das Projekt des "Hessischen Landboten" ("Friede den Hütten! Krieg den Palästen!", dieser häufig gebrauchte Wahlspruch während der Französischen Revolution war das Leitmotiv der Flugschrift) im Sommer .1834 verraten wurde, flüchtete Büchner nach Straßburg, während Weidig sich weigerte, mit seiner Familie in die sichere Schweiz zu emigrieren.

Bald darauf wurde er in Ober-Gleen verhaftet, in der Friedberger Klosterkaserne, festgesetzt und im Juni 1835 ins Arresthaus nach Darrnstadt verlegt. Nach etwa zwei Jahren übelster Tortur und scharfen Disziplinarstrafen beging er am 23. Februar 1837 unter furchtbaren Umständen Selbstmord, nachdem er zwei Jahre lang von den Untersuchungsrichtern (insbesondere von dem als brutalen Säufer bekannten Hofrat Konrad Georgi) gequält und körperlich misshandelt worden war. Weidig litt in der Haft zeitweilig an Sinnestäuschungen. Er hörte Rufe seiner Angehörigen, sah Särge gefüllt mit gefälschten Verhörprotokollen und glaubte, dass seine heimliche Hinrichtung bevorstehe. Der Untersuchungsrichter hingegen erklärte alles für Verstellung.

Im Gebiet des heutigen Hessen und des angrenzenden Mittelrheingebiets war Weidig einer der maßgeblichen Protagonisten des Vormärz und ein Wegbereiter der Revolution von 1848. Nach Weidig hat man in Butzbach eine Straße benannt, man feiert hier alljährlich das Weidig-Bergtumfest, die Weidigschule trägt seinen Namen und auch die Weidigsporthalle in Oberkleen.

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Die Weidigschule vor 80 Jahren

Der Schulalltag im Schuljahr 1928/29


Zur Schulgeschichte

Die Wurzeln der Weidigschule liegen in der "alten Lateinschule", die Landgraf Philipp von Hessen 1540 gründen ließ. Im 18. Jahrhundert ging die Zahl der Lateinschüler zurück, Latein verlor seinen Stellenwert, und die Lehranstalt entwickelte sich langsam zu einer Bürgerschule mit erweiterten Lehrzielen. Ihr bedeutendster Lehrer und Rektor war Friedrich Ludwig Weidig von 1812 bis 1832. Im 19. Jahrhundert hieß die Anstalt "Rektoratsschule". 1876 wurde im Lahntor-Schulhaus die städtische Höhere Bürgerschule eingerichtet, die nach harten Auseinandersetzungen ab 1886 ausgebaut wurde. 1888 wurde die Obersekunda einer Realschule II. Ordnung aufgesetzt. 1891 folgte die Anerkennung als staatliche Realschule, und 1902 wurde der Neubau in der August-Storch-Straße bezogen.

1923 begann der Ausbau zur Vollanstalt bis Klasse 13 mit dem Abitur als Abschluss. Mit der ersten Reifeprüfung 1926 erhielt die Schule als staatliche Ober-Realschule den Namen Weidig-Oberrealschule.

Der Lehrkörper

Im Schuljahr 1929 unterrichteten insgesamt 19 Lehrer (davon 14 hauptamtlich, 5 nebenamtlich) in folgenden Fächern (in Klammern) an der Weidig-Oberrealschule:

OStD Dr. Binzel (E, Sp, F); StR Prof. Dr. F. Werner (D,G); StR Prof. Dr. O. Weide (B, C); StR Prof. L. Horst (G,F,D); StR M. Werner (F,E,R); StR H. Steinhardt (F,D); StR W. Röderer (M, Ph,Geom); StR A. Schad (D,G,SK,B); StR E, Schmidt (L,F,D); StR P. Schoch (M,P,Ek); StR E. Kurz (M,Ek,T); StAss H. Dietz (ET); StAss W. Backes (M,P,C,Ek etc.); ORL H. Grün (Z); Pfarrer O. Lindenstruth (eR); Pfarrer K. Schneider (eR); Pfarrer J. Adler (kR); Lehrer M. Fuld (israel. R); Handarbeitslehrerin A. Diehl.

Die 14 hauptamtlichen Lehrer unterrichteten im Durchschnitt 25, die vier nebenamtlichen 2 bis 6 Wochenstunden. 9 Lehrkräfte waren Klassenlehrer (pro Klasse durchschnittlich 22 Schüler). Da in den meisten Klassen ein oder zwei israelitische Schüler vertreten waren, erteilte Lehrer Fuld diesen 10 zwei Stunden israelitischen Religionsunterricht pro Woche. Ein Lehrer hatte es 1929 einfacher als heute, da die Klassen kleiner und die Schüler folgsamer waren.

Die Schülerschaft

Die Schülerzahl zum 15. Mai 1928 betrug 196. Hiervon waren 165 evangelisch, 20 katholisch, 10 israelitisch und einer religionslos. 118 Schüler kamen aus Butzbach, 78 aus anderen Orten. Die Klassenstärke in den neun Klassen betrug 21,7. Auf eine hauptamtliche Lehrkraft kamen 14 Schüler. Der durchschnittliche Anteil an Mädchen pro Klasse lag bei 21,6%.

Von etwa 20 Schülern, die in der Sexta (KI. 5) eingeschult worden waren, bestanden immerhin 16 das Abitur. (dav. zwei Externe). Die 14 Butzbacher Abiturienten des Jahrganges 1929 wollten vorwiegend akademische Berufe ergreifen. Es ist interessant festzustellen, dass die Abiturienten sich in der Mehrzahl aus der Mittel- (9) und Oberschicht (5) rekrutierten. Allerdings fällt auch auf, dass kaum Abiturienten aus den Nachbarorten von Butzbach kamen. 23 Schüler der Untersekunda erhielten das Zeugnis der Reife für Obersekunda (Kl.11) Abiturienten, deren Väter ein Handwerk ausübten, waren nichtvertreten.

Die Ferien verteilten sich wie folgt: Osterferien vom 23. März bis 15. April; Pfingstferien vom 18. Mai bis 27. Mai; Sommerferien vom 12. Juli bis 12. August; Herbstferien vom 21. September bis 7. Oktober; Weihnachtsferien vom 21. Dezember bis 6. Januar, insgesamt also 12 Wochen wie heute.

Schulgeld und Freistellen

1929 musste an Schulgeld gezahlt werden: a) für ein Kind monatlich 17,50 RM

b) bei gleichzeitigem Schulbesuch von 2, 3, 4 und mehr Kindern je 14,50; 11,50; 9,00 RM etc. Die Ermäßigung galt auch, wenn Geschwister andere Schulen besuchten.

Freistellen wurden nur in begabte und strebsame Schüler mit gutem Betragen für ein Jähr vergeben, wenn die Eltern nachweisen konnten, dass ihnen die Bezahlung schwer fiel bzw. unmöglich war. Die Freistellung konnte widerrufen werden. Eine Reichsmark entspricht einer Kaufkraft von etwa 3,50 Euro, so dass für einen Schüler vergleichsweise etwa 60; Euro pro Monat zu entrichten waren, was sicherlich vielen Eltern schwer fiel.

Stundentafel und Unterrichtsverteilung

Alle Klassen wurden durchgängig in 8 Fächern (Deutsch, Französisch, Mathematik, Biologie, Erdkunde, Religion, Zeichnen, Turnen), in 14 Fächern (vgl. Übersicht) nur auf einzelnen Klassenstufen unterrichtet. Den Fremdsprachen kam ein anderes Gewicht als heute zu, denn Französisch wurde in allen Klassen, Englisch erst ab Klasse 8, Latein ab Klasse 10 und Spanisch nur in 9 und 10 unterrichtet. Die Naturwissenschaften besaßen einen hohen-Stellenwert, wie zusätzliche praktische Übungen in Biologie, Physik und Chemie in der Oberstufe zeigen. In 12 und 13 wurden zusätzlich zwei Stunden Darstellende Geometrie angeboten. Die Stundentafel war an das Alter der Schüler angepasst, wie zwei Stunden Singen in 5 und 6 und Werken in 8 und 9 zeigen. Trotz sechs Unterrichtstagen lag die Stundenzahl pro Woche etwa so hoch wie heute, wenn man von .G 8 absieht. Die Pflichtstundenzahl reduziert sich vor allem in der Oberstufe, aber auch in den unteren Klassen, da Latein, Spanisch, physikalische, chemische und biologische Übungen, Stenografie, Handarbeit und Werkunterricht zum wahlfreien Unterricht zählten, der kleineren interessierten Gruppen (3-20 Schüler) angeboten wurde. An weiteren schulischen Veranstaltungen sind noch zu nennen: Spielnachmittage, Chorsingen, Besuch vonAusstellungen, Museen u. Firmen und sportliche Aktivitäten (Reichsjugendwettkämpfe, Schulmeisterschaften, Faustball, Leichtathletik, Völkerball, Schlagball, Handball). Die VDA-Schulgruppe (Verein für das Deutschtum im Ausland) unter StR Schad, die sich mit Fragen des Auslandsdeutschtums beschäftigte, war sehr aktiv. Fast alle Schüler waren Mitglied dieser national-konservativen Vereinigung, die mit den Boden für den Nationalsozialismus bereitete.

Zwar wurde der Fächerkanon bis heute verändert bzw. erweitert, aber er ist trotz allem in seiner Grundstruktur geblieben.

Quellen:
Weidig-Oberrealschule Butzbach (Oberhessen) Jahres-Bericht 1929
Die Weidigschule in Vergangenheit und Gegenwart. Ein Beitrag zum Weidigjahr. Butzbach 1987. Herausgeber: Weidigschule Butzbach. Bearbeitet von Dr. Paul Görlich, Butzbach 1987

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