Zur Geschichte der Weidigschule
Weidig - Namensgeber unserer Schule
Überblick:
AUS DER GESCHICHTE DER WEIDIGSCHULE
(Ein kurzer historischer Überblick, der sich im wesentlichen auf die bekannte Schrift des Prälaten Dr. D. DiehI „Zur Geschichte der Butzbacher Lateinschule" und auf Akten und Urkunden der Schule stützt.)
Die Weidigschule, deren großzügig gestalteten Neubau wir in diesen Tagen auf besondere Art einweihen konnten, kann auf eine lange und stolze Tradition zurückblicken.
Unter den zur Zeit noch bestehenden 137 Gymnasien Hessens, zu denen noch 41 höhere Privatschulen kommen, steht sie, was das Alter angeht, an 6. Stelle. Sie hat sich, wenn auch nicht unmittelbar, so doch historisch aus der alten Butzbacher Lateinschule entwickelt, die im Verlauf der Reformation auf Betreiben des Landgrafen Philipp des Großmütigen eingerichtet wurde.
Schon in vorreformatorischer Zeit gab es in Butzbach eine städtische Schule, die mit der Gründung des Kugelhauses durch die Grafen von Königstein im Jahre 1468 an die KugeIherren übergegangen war. Die wegen ihrer runden Kopfbedeckung so benannten „Brüder vom gemeinsamen Leben" (fratres de communi vita) und ihre Stiftsschule hatten mit dem Aufkommen der Reformation immer mehr an Bedeutung und Einfluß verloren. Nach langwierigen Verhandlungen mit den Mitherren der Stadt (Königstein-Stolberg und Solms) kam es endich zu einer vom Rat und der Stadt freudig begrüßten Vereinbarung.
In der Sitzung vom 6 . März 1540 , die man als die Geburtsstunde der Butzbacher Lateinschule ansehen darf, wurde zugesichert, daß die Schule mit einer „tuglichen Person wie begert" bestellt und die Besoldung des künftigen Schulmeisters aus den Einkünften des Kugelhauses bestritten werden soll.
Finanziell durch das zum Fonds erklärte Vermögen des Kugelhauses gesichert, konnte sich die „Schola Butisbacensis", wie sie in den Urkunden des 16. und 17. Jahrhunderts genannt wurde, überaus günstig entwickeln. Die anwachsende Schülerzahl machte im Jahre 1556 die Anstellung einer z. Lehrkraft notwendig, so daß nun 2 Klassen gebildet werden konnten, eine deutsche für die Anfänger und eine lateinische für die Fortgeschrittenen. Unterrichtsziel für die Lateinschule war die Vorbereitung zur Sekunda des Marburger Pädagogiums, der damals einzigen Schule im Lande, die den unmittelbaren Obergang zur Universität vermittelte.
Personelle Schwierigkeiten, verursacht durch eine Überlastung des z. Schulmeisters mit Kirchendienst, wurde durch Loslösung des Schuldienstes vom Pfarrdienst bald behoben, und gegen Ende des Jahrhunderts gab es in Butzbach mehr Schüler als in Friedberg, dem „oppidum Wetteranorum", so daß die Anstellung eines 3. Lehrers, der gleichzeitig den Organistendienst versehen sollte, unmittelbar bevorstand. Der große Brand im Jahre 1603, dem Teile des Schlosses und über 100 Häuser mit Nebengebäuden zum Opfer fielen, machte diese Absicht auf lange Zeit zunichte. Erst unter der für Schule und Stadt gleichermaßen bedeutenden Regierung des Landgrafen Philipp III von Hessen-Butzbach (1609 - 1643) konnte eine 3. Lehrerstelle eingerichtet werden. Das große Interesse, das dieser hochbegabte Fürst, der mit den berühmtesten Gelehrten und Forschern seiner Zeit, u. a. mit Galilei und Kepler, in Verbindung stand, für die Schulen seines kleinen Landes und besonders für die Lateinschule seiner Residenzstadt Butzbach zeigte, erkennt man vor allem an der Sorgfalt, mit der er die Männer auswählte, die als Rektoren, Konrektoren und Lehrer an seine Butzbacher Schule berufen werden sollten. Daher behauptet Diehl zu Recht, „daß es zu damaliger Zeit in Hessen keine Stadt gab, in der eine gleiche Reihe wirklich hervorragender Gelehrter die Schulleitung in Händen hatten."
Und so ist es nicht verwunderlich, daß trotz der Schrecken und Wirren des Dreißigjährigen Krieges, in dem allenthalben Schulen eingingen, die Butzbacher Lateinschule den Grund zu ihrer höchsten Blüte legte und zu einer gewissen Berühmtheit gelangte. Als Beweis für das wissenschaftliche Niveau der Schule mag die Tatsache dienen, daß Absolventen der Lateinschule unmittelbar zur Universität entlassen werden konnten, die Schule also mit ihren Lehrzielen an die Stelle eines Pädagogiums hätte treten können.
Doch die gegen Ende der Epoche der Glaubenskämpfe um sich greifende weltliche Gesinnung und das Vertrauen auf die Kraft von Denken und Vernunft, nachhaltig verstärkt durch Leistungen der Naturwissenschaften, zwangen auch das Bildungswesen in neue Richtungen und stellten den weitgehend von der Theologie her geprägten Schultyp immer mehr in Frage. So nimmt es nicht Wunder, daß auch an der Butzbacher Schule die Schülerzahl der Lateinschule ständig abnahm, eine Entwicklung, die auch durch eine Stiftung des Rektors CIermont für die besten Lateinschüler nicht aufzuhalten war. Man maß damals der lateinischen Sprache keine allzu große Bedeutung mehr zu und legte dafür mehr Wert auf die gründliche Erlernung eines Handwerks und auf die Aneignung der hierfür erforderlichen Schulkenntnisse. Die Schule hatte die Form einer gehobenen Volksschule angenommen, doch bestand nach wie vor die Möglichkeit, in „Extrastunden" Schülern in den alten und neueren Sprachen genügend Anweisung zu geben, um ihnen so den Weg zum Studium zu ermöglichen. Zu diesem Zweck wurde, vor allem auf Drängen der Bürgerschaft, die Schulordnung aus dem Jahre 1777 mit der Maßgabe ergänzt, daß außer den beiden städtischen Geistlichen stets zwei Theologen mit den Amtstiteln Rektor und Konrektor die obersten Klassen leiten und dort den Fremdsprachunterricht erteilen sollten.
Diese „Rektoratsschule" bestand bis zur Errichtung der „Höheren Bürgerschule" im Jahre 1876. In diese Zeit fällt auch das Wirken des Mannes, der nicht nur für die Schule und die Stadt Butzbach, sondern auch für die politische Entwicklung der damaligen Zeit von großer Bedeutung war, des Rektors und Pfarrers Dr. Fr. L. Weidig.
Aber die Zeit ging weiter. Der fortschreitenden Entwicklung der durch die „industrielle Revolution" gekennzeichneten z. Hälfte des 19. Jahrhunderts war die alte Rektoratsschule nicht mehr gewachsen, und der fortschrittliche Teil der Bevölkerung forderte den Ausbau der Schule zu einer Realschule. Nach langwierigen Verhandlungen und heftigen Diskussionen innerhalb der Bürgerschaft wurde 1886 mit dem Ausbau der zwischenzeitlich eingerichteten Höheren Bürgerschule zu einer Realschule begonnen und 1889 die erste Prüfung für die Berechtigung zum einjährig-freiwilligen Militärdienst durchgeführt. Drei Jahre später erfolgte die Anerkennung als staatliche Realschule II. Ordnung. Der glänzende Aufschwung, den die neue Schule danach nahm und der sie zum Mittelpunkt des kulturellen Lebens der Stadt machte, fand in dem prächtigen Neubau, der 1902 eingeweiht wurde, seinen äußeren Ausdruck.
Im weiteren Verlauf der Entwicklung sei noch auf die bald darauf erfolgte Gleichstellung der Reifezeugnisse aller höheren Schulen des Landes verwiesen, der zufolge erfolgreiche Absolventen unserer Schule ohne weiteres in die Unterprima einer Oberrealschule eintreten konnten.
Der erste Weltkrieg mit seinen anfänglichen Erfolgen und dem späteren Zusammenbruch bewegte das Leben der Schule tief. Vielerlei Störungen beeinträchtigten den Unterrichtsablauf. Aber trotz aller Erschütterungen durch den Krieg nahm die innere Entwicklung der Schule einen gedeihlichen Fortgang.
Nach Kriegsende stand als wichtigste Frage der weitere Ausbau der Schule zur Entscheidung, da die Schülerzahl im Laufe des Schuljahres 1923/24 auf die seither noch nie erreichte Höhe von 263 Schülern gestiegen war. Dank der Opferwilligkeit der Eltern und der ansässigen Industriebetriebe erklärte sich die Stadt trotz angespannter Finanzlage bereit, die Kosten für den Ausbau der Schule zu übernehmen. Nach behördlicher Genehmigung wurde Ostern 1924 die Unterprima und im nächsten Jahr die Oberprima eingerichtet, und Ostern 1926 fand die erste Reifeprüfung statt. 50 Jahre nach Einweihung der höheren Bürgerschule hatte Butzbach nun eine staatlich anerkannte Oberrealschule. Sie erhielt anläßlich der 50-Jahr-Feier im Jahre 1926 offiziell den Namen des früheren Rektors Friedrich Ludwig Weidig.
Ein kurzer Oberblick bis zum Ende des z. Weltkrieges möge die wechselvolle Geschichte der Schule beenden. Mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten kam es auch zu einer Neugestaltung des höheren Schulwesens. Die Weidigschule wurde in eine Oberschule für Jungen umgewandelt mit Englisch statt bisher Französisch als erste Fremdsprache.
Der 2. Weltkrieg, Hitlers totaler Krieg, brachte Deutschland die totale Niederlage, eine Katastrophe, die in der neueren Geschichte ohne Beispiel ist. Alle Schulen waren geschlossen, da die meisten Lehrer entlassen und die Gebäude zu schulfremden Zwecken beschlagnahmt worden waren.
Erst Anfang 1946 konnte für 120 Jungen und Mädchen eine Art Betreuungsunterricht eingerichtet werden. Dank der Fürsorge der Stadtverwaltung und der Selbsthilfe der Schüler konnte das eigene Schulgebäude wieder in einen gebrauchsfähigen Zustand versetzt und am 2. April 1946 die Schule mit 263 Schülern neu eröffnet werden. Da nach den neuen Lehrplänen nunmehr Latein allgemein verbindliches Lehrfach geworden war, hatte die Schule damit den Charakter eines ReaIgymnasiums erhalten.
(HELMUT HABERMEHL)
aus der Festschrift anlässlich der Einweihung des Neubaus im Jahr 1072
DR. FRIEDRICH LUDWIG WEIDIG UND DIE WEIDIGSCHULE
Im Rahmen dieser Festschrift kann nur in sehr knapper Form erläutert werden, warum die Schule seit 1928 den Namen Weidigs trägt.
Dr. Friedrich Ludwig Weidig wurde am 15. 2. 1791 in Oberkleen geboren. Seine Mutter gehörte zu der Familie Liebknecht. Aus dieser Familie sind auch die späteren Politiker Wilhelm und Dr. Karl Liebknecht hervorgegangen. Weidigs Vater ließ sich wegen der Gebietsveränderungen durch den Reichsdeputationshauptschluß (1803) nach Butzbach versetzen. Seit dieser Zeit ist Weidig mit Butzbach und seiner alten Lateinschule in mehrfacher Weise verbunden.
In den Konfirmandenlisten der Markusgemeinde ist sein Name noch zu finden. Im Protokollbuch der Clermontschen Stiftung, der einzigen Urkunde im Archiv der Weidigschule aus der Zeit Weidigs, ist der Name Weidigs unter den Preisträgern leider nicht nachweisbar, weil die entsprechenden Seiten fehlen. Das Fehlen dieser Seiten erklärt der Eintrag:
"Per militem Franco-Gallum, in meo auditorio pernoctantem, hic liber, forte in mensa jacens, scissus est anno MDCCCIX" (durch einen französischen Soldaten, der in meinem Klassenraum übernachtete, sind diese Seiten aus dem Buch, das zufällig auf dem Tisch lag, herausgerissen worden im Jahre 1809).
Weidigs Vorbereitungszeit zum Studium am Pädagogium in Gießen, das Studium der Theologie und die Erlangung der Doktor-Würde an der Philosophischen Fakultät sind in Gießen in mehreren Urkunden nachweisbar. Im Alter von 21 Jahren kehrt Weidig mit Wirkung vom z. 3. 1812 als Konrektor an die Lateinschule in Butzbach zurück, war ab 1824 ihr Rektor bis er am 7. 9. 1834 auf Grund einer Strafversetzung seinen Dienst als Pfarrer in Obergleen bei Alsfeld antrat.
22 Jahre wirkte Weidig als Lehrer und Rektor.der Schule in Butzbach. Aber selbst seine schulische Arbeit stand von Anfang an unter politischen Gesichtspunkten, die Kirchen- und Schulakten geben jetzt noch darüber reichlich Auskunft.
Nach außen hin pflegen am stärksten die Turner die Erinnerung an Weidig, weil er seit 1814 als erster in Hessen auf dem Schrenzer mit seinen Schülern im Freien turnte, auch unter dem Gesichtspunkt zur Vorbereitung des Freiheitskampfes gegen die Herrschaft Napoleons. 1849 wurde auf dem Schrenzer der Weidighain gepflanzt, seit 1906 gibt es eine Weidigstraße. Ab 1937 findet jedes Jahr auf dem Schrenzer das Weidigbergturnfest statt. Der gleichzeitig aufgestellte Gedenkstein erhielt 1967 ein Bronzerelief Weidigs.
Schon als Student in Gießen war Weidig politisch tätig. „So ging sein Streben dahin: im Zusammenwirken mit gleichgesinnten Freunden die Rohheit, Gemeinheit und Trinksucht von der Universität zu entfernen und Sinn für Wissenschaft und Vaterlandsliebe zu festigen . . ." (Büchner, 17. 9. 1848). Von seiner Mutter geprägt war Weidig Zeit seines Lebens ein gläubiger Theologe, und gerade in seinen Predigten erregt Weidig politisch Anstoß. So wird ihm im November 1818 nach einer Predigt vorgeworfen, daß er „. . . sich erlaubt habe, von der Kanzel für Landstände und um einen Kaiser zu beten, um die Schmach des Deutschen Volkes endlich zu enden . . ." Immer stärker setzt sich Weidig im Kampf für die in einer demokratischen Verfassung gesicherten Rechte der Freiheit für das Volk ein, er wird zur bedeutendsten Persönlichkeit der demokratisch-nationalen Verschwörer Hessens.
Seine Flugschriften, „Leuchter und Beleuchter für Hessen oder der Hessen Notwehr" stehen unter dem Motto „Recht und Gesetz". Die mit Georg Büchner herausgegebene Flugschrift „Der Hessische Landbote" trägt die Oberschrift „Friede den Hütten - Krieg den Palästen". Im Zusammenhang der Verbreitung seiner Flugschriften wurde Weidig am 25. 4. 1835 in Obergleen verhaftet. Anders als Georg Büchner hatte er das Angebot zur Flucht abgelehnt und starb am 23. z. 1837 in Darmstadt in Untersuchungshaft.
Sein Tod im Gefängnis wurde als Musterbeispiel der verbrecherischen Inquisitions-Prozeßführung in der Öffentlichkeit angeprangert. Zunächst gaben seine Freunde die „Reliquien" heraus, eine Sammlung von 3 Predigten und 27 Gedichten Weidigs. Schon im März 1848 bildete sich die „Weidigstiftung", die sich die Pflege des Grabes in Darmstadt und die Beschaffung von Buchpreisen für Schüler in Butzbach und Obergleen zur Aufgabe stellte.
Weidig wird als sehr guter Pädagoge gelobt. So heißt es in den Akten der Philosophischen Fakultät in Gießen „Auch ist es richtig, daß die von Herrn Conrektor Weidig . . . für die Universität vorbereiteten Jünglinge sich in den Maturitätsprüfungen von den anderswo vorbereiteten in der Regel vorteilhaft auszeichnen." Mehrmals steht Weidig an erster Stelle auf der Vorschlagsliste für besondere Prämien durch die Regierung. Neben Religion, Deutsch, Geschichte und Erdkunde lag der Schwerpunkt seiner schulischen Arbeit gerade in Mathematik, Physik und Botanik. „. . . besonders exellieren die Schüler aber immer in einem mit besonderer Liebe im vorhergehenden Semester bearbeiteten Lehr-Gegenstände". Diesmal war dies die reine Mathematik" (2. 4. 1823), „. . . besonders aber erwähnen, daß er seinen Schülern in außerordentlichen Stunden schöne Anleitungen zum praktischen Feldmessen sowie zum Zeichnen gegeben hat . . ." (17. 4. 1825), „. . . und wußten Astrolabium zum Ausmessen von Fläch und Höh wohl zu gebrauchen . . ." (27. 9. 1825), „. . . in der Mechanik, welche als neuer Unterrichtsgegenstand an dieser Schule vorkam . . ." (28. 4. 1822), „ . . Botanisiert habe ich in dem Sommer wenig . . . Bedürfnisse an Lehrmitteln: Ein Globus . . ." (25. 9. 1828), „. . . Eine Elektrisiermaschine würden die Schüler mit Dank annehmen . . ." (10. 4. 1830). Somit war Weidig selbst in den Forderungen an Lehrmitteln hoch modern.
Die überaus vielseitige Persönlichkeit Weidigs läßt sich nicht in ein Klischee pressen. „Fragt man: Wie Weidig, wenn er noch lebte, die Jetztzeit aufgefaßt, zu welcher Partei er sich geschlagen hätte? so halte ich diese Frage für sehr müßig . . . . weil Weidig gewiß immer nur seiner Oberzeugung gefolgt wäre. Er stehe da als Wegweiser . . . in die Zeit der Freiheit und Gerechtigkeit (Büchner, 17. 9. 1848). Gerade auch für die heutige Schülerschaft sei zum Verständnis Weidigs auf zweierlei hingewiesen:
Über den Namenslisten der Preisträger aus der Clermontschen
Stiftung steht jedesmal von der Hand Weidigs eingetragen:
„Discipuli praemiis
virtutis et diligentiae digni" (Schüler, die der Auszeichnungen würdig
waren auf Grund innerer und äußerer Ordnung).
Die Verleihungsurkunde der Preise aus der „Weidigstiftung"
lautete:
„Weidigs-Prämium. Dieses Prämium wurde gestiftet im Jahre 1848 zum
Andenken an den am 23. Februar 1837 verstorbenen Pfarrer Dr. Friedrich Ludwig
Weidig, einem Mann, der sich durch die seltensten Eigenschaften des Geistes
und Herzens auszeichnete. Brave und fleißige Schüler in Butzbach und Obergleen,
wo Weidig als Lehrer und Seelsorger segensreich wirkte, sollen dieß Prämium
erhalten. Ertheilt dem durch die Wahl seiner Mitschüler würdig befundenen .
. . im Herbst 18 . . .".
(WERNER MEYRAHN)
aus der Festschrift anlässlich der Einweihung des Neubaus im Jahr 1972
Weidig und die Entwickung der Weidigschule
Aus der alten Lateinschule der Kugelherren vom Jahre 1470 hatte sich schließlich über eine Höhere Bürgerschule und Realschule eine Oberrealschule entwickelt. Nach dem ersten Abitur 1926 wurde von der Stadt Butzbach der Schule der Name "Weidigschule" verliehen. Bei jeder sich bietenden Gelegenheit wird seitdem an dieser Schule an ihren Namensgeber gedacht. Mit Recht könnte die Frage gestellt werden, ob es überhaupt noch etwas Neues über Weidig zu berichten gibt. Im Hinblick auf die zahlreichen Veranstaltungen anläßlich seines Todes vor 150 Jahren im Gefängnis in Darmstadt am 23. Februar 1837 wurden noch einmal alle fraglichen Archive auf Quellen von Weidig untersucht - und dabei eine alle Erwartungen übertreffende Fülle zu Tage gefördert.
Friedrich Ludwig Weidig wurde am 15. Februar 1791 in Oberkleen geboren, kam 1803 mit seinen Eltern nach Butzbach, studierte von 1808 - 1811 in Gießen Theologie, war von 1812 - 1834 Konrektor und Rektor der Schule in Butzbach, wurde nach Obergleen bei Alsfeld als Pfarrer versetzt, dort am 22. April 1835 verhaftet, nach Darmstadt in Untersuchungshaft gebracht, wo er unter tragischen Umständen verstarb.
Ob Weidig zu den besten Schülern der Schule in Butzbach gehörte,
läßt sich nicht mehr nachweisen, weil im Protokollbuch der Clermontschen Stiftung die
entsprechenden Seiten von einem französischen Wachsoldaten seinerzeit herausgerissen
wurden.
Während seiner Studentenzeit bekämpfte er den liederlichen Wandel von Studenten, trat immer wieder als Führer und Schriftführer der Studentenschaft hervor und hielt durch Mitgliedschaft in mehreren Verbindungen den Kontakt zu den Studenten. Nach seiner Promotion zum Doktor der Philosophie Ende 1822 wird ihm die Fähigkeit zu einem Gelehrten bescheinigt. Doch er bleibt in Butzbach.
Durch sein pädagogisches Geschick und seinen Eifer wird er mehrmals gelobt und ausgezeichnet. In der englischen Zeitung "The Morning Chronicle", London, vom 16. November 1819 wird die Schule Butzbach neben der in Eisenach als Musterschule in Deutschland erwähnt.
Neben seiner umfangreichen pädagogischen Tätigkeit war Weidig von Anfang an politisch tätig und schließlich die führende Persönlichkeit der Opposition weit über Oberhessen hinaus im Kampf um Freiheit, Recht und Verfassung. So ist auch schon seine Gründung des ersten hessischen Turnplatzes im Jahre 1814 auf dem Schrenzer in Butzbach zu sehen.
Ab 1818 wird er politisch beschattet. In dem Reisebericht über die Visitation der Wetterau durch den Staatsminister K. L. von Grolmann vom Jahre 1825/26 heißt es über Weidig: "Der belobte Rektor Weidig, den das demagogische Präjudiz am verdienten Fortkommen hindert". Um größere politische Bewegungsfreiheit zu erlangen, bewirbt er sich 1825 um eine Pfarrstelle in Dortelweil, das politisch zu dem liberalen Frankfurt gehörte. Die Zusammenarbeit mit Georg Büchner und die Herausgabe des "Hessischen Landboten" führten schließlich zu seiner Strafversetzung als Pfarrer nach Obergleen und zu seiner Verhaftung.
Seine Schüler nahmen unsagbare Leiden der Verfolgung auf sich und hielten das Gedächtnis an ihn wach. Wilhelm Braubach, der sieben Jahre im Exil in der Schweiz verbrachte und am Totenbett von Georg Büchner in Zürich (gestorben 19. 2. 1837) Wache gehalten hatte, hielt nach seiner Rückkehr am 17. Dezember 1845 im Gasthaus "Zum Löwen" in Butzbach folgenden Trinkspruch auf Weidig: "Wir wollen nicht versäumen, uns auch der Männer aus dem Volk zu erinnern, welche mit Eifer, Uneigennützigkeit und Einsicht das köstliche Gut einer landständischen Verfassung mehren halfen, sowie zugleich auch derer, welche ihrer Zeit zur Erlangung einer verfassungsmäßigen Freiheit mitwirkten. Unwillkürlich gedenke ich hierbei eines Mannes, der unserer Stadt, unserem Herzen so nahe stand, daß er wohl nie vergessen werden wird, eines Mannes, der ebenfalls für gesagten Zweck meist thätig war trotz mancher Anfeindung und Verdächtigung, eines Mannes, dessen anerkannter hoher Gemeinsinn und edle Uneigennützigkeit eines nachahmenswerthes Muster seyn. Dem Andenken des Rectors Weidig dieses Glas!"
Paul Hübner, dessen Schauspiel "Der Fall Weidig" 1982 in Bremerhaven aufgeführt wurde, schreibt dazu: "Ich hatte dabei schon länger die Überlegung, warum Büchner, der wahrscheinlich weniger Anteil an den Kämpfen des Kreises um Pfarrer Weidig als dieser selbst hatte, zu großem Ruhm (natürlich als Dichter) gekommen ist, während Weidig den Kopf hinhalten mußte und vergessen wurde".
Professor Dr. Walter Grab von der Universität Tel Aviv stellte anläßlich der Preisverteilung bei der Jubiläumsfeier 1982 in Hambach an Professor Dr. Harald Braun für seine Arbeit: "Das politische und turnerische Wirken von Fr. L. Weidig" fest: "Weidig ist nun aus dem Schatten Büchners herausgetreten und hat den ihm gebührenden Platz neben anderen Liberalen der Vormärz-Zeit eingeräumt bekommen".
Erst seit einigen Jahren ist an der Straßenfront der Weidigschule der Name in blauen Plastikbuchstaben angebracht, 1986 erfolgte ein Nachguß der Bronzetafel vom Weidigstein. Neben einer Reihe von Schülerarbeiten schrieb Dr. Hartwig Lödige 1983 seine Hausarbeit für die zweite Staatsprüfung: "Wer war Weidig?" Trotzdem kann das Quellenmaterial über Weidigs Lehrtätigkeit nicht als aufgearbeitet gelten.
Werner Meyrahn (1910-1996) in einer Schulbroschüre der Weidigschule zum Weidigjahr 1987
Friedrich Ludwig Weidig - Predigt "vom gemeinen Nutzen"
Gott, der du im unermeßlichen Gebiet der Natur die größte Mannigfaltigkeit geschaffen und doch Alles Einer Ordnung unterworfen hast, lehr' auch die Glieder des Menschengeschlechts, daß sie Alle, wie verschieden Gaben und Kräfte, mit welchen du sie begnadet, wie verschieden Amt und Geschäfte, die du ihnen angewiesen, wie verschieden die Völker, mit denen du sie verbunden hast, daß sie Alle Einem großen Ganzen nützen und leben sollen - der Menschheit! - Laß jedes Glied treu in seinem Stand und Geschäfte die Gaben und Kräfte verwalten, die du ihm zugetheilt hast, aber laß die einzelnen Glieder nicht für ihren Nutzen und ihre Geschäfte allein, laß sie zugleich für den gemeinen
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Nutzen, laß sie für einander gleich sorgen! Laß die einzelnen Stände zugleich auf das Gemeinwohl ihres Volkes achten, laß die einzelnen Völker neben einander in Fried' und Freiheit wohnen und die Millionen der Erdbewohner erkennen, daß sie Alle Brüder, daß sie Alle Glieder Eines Leibes sind, daß sie Alle, geschaffen nach deinem Bilde, berufen durch deinen Sohn Jesus Christus, erleuchtet durch deines Geistes Gaben, dir, o Brunnquell aller Vollkommenheit, ähnlicher und ähnlicher werden sollen. Für Alle rufen wir dich an - o Allvater - für alle deine Kinder, für alle Völker der Erde. Segne Gemeinwohl! Gieß aus die geistlichen Gaben durch deinen Geist und wehre dem Geiz und sinnlicher Lust! Stürz' Aberglauben und Eitelkeit! Vereine die Macht der Gerechtigkeit! Gieb Kraft dem Schwachen und Zuversicht! Bewahr' uns der Wahrheit Himmelslicht! Nimm der Geistesfreiheit unschätzbares Gut, o Vater des Lichts, in deine Hut! Amen. V.U. [Vater Unser]
[Textverlesung: 1.] Kor. 12, 3 - 28
[3. Darum thue ich euch kund, daß Niemand JEsum verfluchet, der durch den Geist GOttes redet; und Niemand kann JEsus einen HErrn heißen ohne durch den heiligen Geist.
4. Es sind mancherlei Gaben; aber es ist Ein Geist.
5. Und es sind mancherlei Aemter; aber es ist Ein HErr.
6. Und es sind mancherlei Kräfte; aber es ist ein GOtt, der da wirket Alles in Allen.
7. In einem Jeglichen erzeigen sich die Gaben des Geistes zum gemeinen Nutz.
8. Einem wird gegeben durch den Geist, zu reden von der Weisheit; dem Andern wird gegeben, zu reden von der Erkenntniß, nach demselbigen Geist;
9. Einem Andern der Glaube, in demselbigen Geist; einem Andern, die Gabe gesund zu machen, in demselbigen Geist;
10. Einem Andern, Wunder zu thun; einem Andern Weissagung; einem Andern, Geister zu unterscheiden; einem Andern, mancherlei Sprachen; einem Andern, die Sprachen auszulegen.
11. Dies aber Alles wirket derselbige einige Geist, und theilet einem Jeglichen seines zu, nachdem er will.
12. Denn gleichwie Ein Leib ist, und hat doch viele Glieder; alle Glieder aber Eines Leibes, wiewohl ihrer viele sind, sind sie doch Ein Leib: also auch Christus.
13. Denn wir sind durch Einen Geist alle zu Einem Leib getauft, wir seyen Juden oder Griechen, Knechte oder Freie, und sind alle zu Einem Geist getränket.
14. Denn auch der Leib ist nicht Ein Glied, sondern viele.
15. So aber der Fuß spräche: Ich bin keine Hand, darum bin ich des Leibes Glied nicht:
sollte er um deß willen nicht des Leibes Glied seyn?
16. Und so das Ohr spräche: Ich bin kein Auge; darum bin ich nicht des Leibes Glied, sollte es um deß willen nicht des Leibes Glied seyn ?
17. Wenn der ganze Leib Auge wäre, wo bliebe das Gehör? So er ganz das Gehör wäre, wo bliebe der Geruch?
18. Nun aber hat GOtt die Glieder gesetzt, ein jegliches sonderlich am Leibe, wie er gewollt hat.
19. So aber alle Glieder Ein Glied wären, wo bliebe der Leib?
20. Nun aber sind der Glieder viele, aber der Leib ist Einer.
21. Es kann das Auge sagen zu der Hand: Ich darf deiner nicht; oder wiederum das Haupt zu den Füßen: Ich darf eurer nicht.
22. Sondern vielmehr die Glieder des Leibes, die uns dünken die schwächsten zu seyn, sind die nöthigsten;
23. Und die uns dünken die unehrlichsten zu seyn, denselbigen legen wir am meisten Ehre an; und die uns übel anstehen, die schmücket man am meisten.
24. Denn die uns wohl anstehen, die bedürfen es nicht. Aber GOtt hat den Leib also vermenget und dem dürftigen Gliede am meisten Ehre gegeben,
25. Auf daß nicht eine Spaltung im Leibe sey, sondern die Glieder für einander gleich sorgen.
26. Und so Ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit; und so Ein Glied wird herrlich gehalten, so freuen sich alle Glieder mit.
27. Ihr seyd aber der Leib Christi, und Glieder, ein Jeglicher nach seinem Theil.
28 Und Gott hat gesetzt in der Gemeine auf's erste die Apostel, auf's andere die Propheten, auf's dritte die Lehrer, darnach die Wunderthäter, darnach die Gaben gesund zu machen, Helfer, Regierer, mancherlei Sprachen.]
Unser Text sagt, daß bei verschiedenen Kräften und Geschäften dennoch Alle, als Glieder Eines Ganzen, den gemeinen Nutzen fördern sollen. Unsere Rede sei daher vom gemeinen Nutzen. Wir erwägen:
1. Wie den einzelnen Ständen für ihre besonderen Geschäfte besondere Pflichten obliegen; wie aber
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2. alle Stände neben ihrem besondern Beruf für den gemeinen Nutzen thätig zu sein, verpflichtet sind.
I.
In dem großen Gotteshaus,
Theilt Gott viele Gaben aus;
Uebe deines Standes Pflicht,
Doch vergiß des Ganzen nicht!
Gleicherweise als wir in Einem Leibe viele Glieder und diese nicht einerlei Geschäfte haben, so sind auch die Glieder des Menschengeschlechts auf verschiedene Weise beschäftigt, so können auch die Erdbewohen nach ihren verschieden Geschäften als verschiedene Stände betrachtet werden.
Welches sind diese besonderen Beschäftigungen und Stände?
Ein Theil der Menschen sucht die Güter zu gewinnen, welche des Leibes und des Lebens Bedürfnisse stillen; ein anderer Theil die gewonnenen Güter durch Kunst und Fertigkeit gemeinnütziger zu machen und zu verbreiten und wieder ein anderer Theil übt vorzüglich die Kräfte des Geistes, um Ungerechtigkeit und Unwissenheit abzuwenden und die Wissenschaft zu erweitern. -
Das erste Werkzeug zur Thätigkeit ist der Körper und mit dem, was seine Nahrung und Bewahrung erfordert, sind die meisten Erdenbürger beschäftigt. Dies ist der erste, der älteste Stand, welcher hinaufreicht
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zur ersten Zeit: da Gott zum ersten Menschen sprach: im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brot essen. - Der Bebauer der Flur kämpft mit der Natur und trägt, wiewohl im Schweiße seines Angesichts, eine herrlichere Siegesbeute davon, als der blutbespritzte Ländereroberer, der Menschenleben und Menschenrechte gleich Städten und Festen zerbrach. Des Landbauers Werkhaus ist die freie große Natur, gedeckt vom blauen Himmelsgewölbe, ein glücklicher Stand, wenn er Recht und Freiheit bewahrt und nicht durch sinnliches Wohlleben in Geistesträgheit hinabsinkt. Die weitgedehnte Oberfläche der Erde ist sein Reich und selbst den Tiefen der Gebirge, gewinnt sein Zwillingsbruder, der die Tiefen durchfurcht, ihre verborgenen Schätze ab. Die Stoffe und Schätze befriedigen das andere Bedürfniß der Erdenbewohner, das wirkliche Bedürfniß, ihre Werkthätigkeit durch künstlich bereitete Werkzeuge zehnfach und hundertfach zu verstärken, wie das eingebildete, den Genuß und den Reichthum des Lebens zu erhöhen. Die unterirdischen Schätze und Stoffe bedürfen die Glieder des andern Standes, des Standes, welcher die rohen Erzeugnisse des Bodens und der Tiefe kunstreich zum allgemeinen Gebrauch zubereitet und die überflüssigen Güter des einen Landes dem andern, welchem sie mangeln, zuführt und austauscht. - Die Güter der Erde gehen durch seine Hände und erhalten
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durch sie einen höhern Werth. Diesem Stande genügt die Kraft des Armes nicht allein zu seiner Thätigkeit. Er bedarf Gewandtheit und kluger Berechnung, und wohl ihm, wenn er bei der Klugheit seiner Berechnungen nicht der Redlichkeit vergißt, damit die Güter der Erde durch seine Hände gehen, ohne daß ein Flecken an seinem Gewissen kleben bleibt.
Wohl auch ihm, wenn er bei dem Genuß seiner Güter seine Pflichten als Mensch, als Christ, als Bürger des Staates vergißt. Die Glieder des dritten Standes, welche vorzugsweise die Kräfte des Geistes üben und mit den Angelegenheiten des Geistes beschäftigt sind, nennt uns der 28te Vers unseres Textes:
Und Gott hat gesetzt in der Gemeine auf's erste die Apostel, auf's andere die Propheten, auf's dritte Lehrer, darnach die Wunderthäter, darnach die Gaben gesund zu machen, Helfer, Regierer, mancherlei Sprachen.
Aufs Erste die Apostel! Wer kennt sie nicht, die ersten Verbreiter des Christenthums welche unter Fährlichkeiten zu Wasser und zu Land die, mit dem Blut ihres Heilandes besiegelte Wahrheit den Völkern verkündeten! Vor Allen Johannes, der geliebteste Jünger des göttlichen Lehrers, und Petrus und Paulus, die in die Fußstapfen ihres Heilands tretend, ihr Blut in der Verbreitung der Wahrheit vergossen. Sie werden immerdar mit Bewunderung und Liebe in der
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Christenheit genannt werden, wann die Namen der apostolischen Kronenträger längst der Vergessenheit angehören. Ohne irdische Pracht und weltliche Macht, ohne Scepter und Krone durchzogen die Gottgesandten die Länder der Erde und stifteten das Amt, das die Gerechtigkeit predigt. Sie wählten sich Gehilfen und verordneten Bischöfe und Lehrer, oder die neugebildeten Christengemeinden wählten Aelteste und Lehrer, die von einem Apostel oder einem Gehilfen desselben an der Mutterkirche zum Dienste der Wahrheit geweiht wurden. So wurde in der ersten Christlichen Zeit das Evangelium verkündet. Aber auch in späterer Zeit - ich nenne nur den Apostel der Deutschen und zunächst des hessischen Volksstammes - auch in unserer Zeit hat das Evangelium Männer unter die Heiden ausgesandt, Glaube, Liebe und Hoffnung zu predigen und ihr Wirken ist durch die Verbreitung der Wahrheit gesegnet worden. Auch von ihnen, den Nachfolgern der ersten Apostel, haben mehrere die christliche Lehre mit ihrem Blut bekräftigt und bis alle Völker der Erde zum Christenthum bekehrt, und bis alle Eine Herde unter Einem Hirten sind, wird das Amt der Verbreiter des Christenthums nicht aufhören.
Aufs Andere die Propheten. Propheten oder Weissager werden in dieser Schriftstelle, wie aus dem Folgenden deutlich hervorgeht, diejenigen genannt, welche
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weise und gemeinverständlich - also in der Landessprache - zur Gemeinde redeten. In den ersten Zeiten des Christenthums, ehe noch dieses öffentliche Rede ausschließlich mit dem Amt des Aufsehers oder Bischofs - des Pfarrers der Gemeinde - verbunden war, trat jedes Glied der Gemeinde, welches die Gabe der Rede oder der Geist dazu bewog, öffentlich redend auf, wie wir dies ebenwohl aus denfolgenden Abschnitten unseres Briefes entnehmen können. Doch wie auch jetzo diese geistlichen Redner oder christlichen Prediger vorbereitet oder berufen sein mögen, wohl ihnen, wenn sie nicht als falsche Propheten die Wahrheit verhüllen und ihren Nutzen oder ihre Person ansehen, sondern als würdige Nachfolger der Propheten des Alterthums, welche - ich nenne nur die Prediger in der Wüste - welche ohne Menschengunst und Menschenfurcht redeten zum Volke und zu den Gewaltigen - wenn sie als würdige Nachfolger der ersten Verbreiter des Christenthums, welche Aberglauben und Götzendienst mit der Leuchte der Wahrheit besiegten, Tröstung, Besserung und Verbreitung der Wahrheit vollbringen. - Alles, was Liebe, Wahrheit und Gerechtigkeit fördert in der Christengemeinde, im christlichen Vaterland, ist eine Angelegenheit, die auf diesem geweihten Rednerstuhl erwogen und mit Gründen der Vernunft und mit Zeugnissen der göttlichen Offenbarung erwiesen wird.
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Aufs Dritte die Lehrer! Auch sie reichen in die ersten Zeiten des Christenthums, und ihr erster Beruf war Belehrung der Nichtchristen in der Wahrheit des Evangeliums. Seitdem das Christenthum in so vielen Reichen der Erde festbegründet dasteht, ist ihr jetziger Beruf, das Geschlecht der Heranwachsenden zur Wahrheit hinzuführen und die Gründe der Wahrheit und Wissenschaft zu erforschen. Das Fortschreiten des kommenden Geschlechtes ist zum großen Theil in ihre Hand gegeben, darum ist ihr Wirken und sein Lohn nicht gering. Wer einen guten Lehrer gehabt hat und selbst gut ist, der wird ihm auch im späteren Alter dankbare Liebe widmen, und wer viel Liebe sich erworben hat, der ist reich geworden!
Ein guter Lehrer weis't seine Zöglinge nicht allein auf ihr Geschäft und ihren Nutzen, er weis't sie zugleich hin auf das Wohl der Gemeinde, ihres Vaterlandes. Er führt sie in den Tempel der Wahrheit und Gerechtigkeit, er lehret sie: Fürchtet Gott, thut Recht, scheuet Niemand.
Darnach die Wunderthäter! Um seine Gesandten und Boten als göttliche Gesandten, als Boten der Liebe und Wahrheit, zu beglaubigen, gab Gott denselben, wie heiligen Urkunden bezeugen, die Kraft Wunder zu thun. Nun aber die Religion der Wahrheit und Liebe verkündigt ist, nun ist es an uns, immer tiefer sie zu erforschen, immer mehr sie uns
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anzueignen. Wir haben Moses und die Propheten, Christus und die Apostel, und die sich nun als Wunderthäter ankündigen, sind Irrlehrer oder Verirrte. Aus gleichem Grunde sind nun erloschen die übernatürlichen
Gaben, gesund zu machen; aber die Aerzte des Leibes, die den inneren und äußeren Bau desselben, die heilenden und verletzenden Kräfte der Natur erforschen, sind und werden sein nützliche und nöthige Glieder der Gemeinde.
Helfer! welche dem, der Unrecht oder Gewalt erlitt, helfen, daß er zu seinem Recht gelange. In der ersten christlichen Zeit, als die Gläubigen von der bürgerlichem Gesellschaft der Heiden, unter welchen sie lebten, viel mehr Verfolgung als Schutz zu erwarten hatten, wurden auch die Streitigkeiten über Recht und Unrecht von den geistlichen Aufsehern geschlichtet. Nach dem das Gottesreich alle Theile der gebildeten Erde umschlungen hat, sind es die öffentlichen Schirmanstalten des Rechts, sind es Richter und Obrigkeiten, denen der Schutz der Rechte vertraut ist. Das Recht ist mehr wert, als Geld und Gut, Und wer seiner Mitmenschen Recht versehrt, thut übler als ein Räuber. Aber man soll sich das entzogene Recht nicht mit Gewalt wieder verschaffen; man soll es aus der Hand der Männer empfangen, denen die Wage und das Schwert der Gerechtigkeit vertraut sind. Die Gerech-
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tigkeit wägt Allen das Recht gleich und dazu sind Richter und Obrigkeit verordnet, daß das Recht Schutz, das Unrecht Strafe finde, daß alle das entwendete Recht wieder erlangen, ohne Gewalt zu brauchen, es sei denn, daß der Rechtsverderber mit Gewalt einbreche und Nothwehr allein das Recht erhalten könne.
Regierer! Sollen wir bei diesem Namen all' das Böse uns vorsagen, das die Gewaltigen über das Menschengeschlecht gebracht haben, von Nimrod an bis Napoleon, von dem die Christenheit hofft, dass er der letzte Gewaltherrscher gewesen sei! Das wäre nicht möglich in dieser Stunde! Aber unser Text sagt ja nicht Gewaltherrscher, er sagt Regierer, und christliche Regierer herrschen nicht mit Zwang und Gewalt. Es sind die, von den ersten christlichen Gemeinden gewählten Regierer und Verwalter des Gemeinwesens, und, nachdem statt den einzelnen christlichen Gemeinden der ersten Zeit christliche Staaten erwachsen sind, die christlichen Regenten. Wir wollen uns daher lieber das erfreuende Bild eines christlichen Regierers vor Augen stellen. Ein christlicher Regent weiß, daß keinem Sterblichen, daß auch ihm nicht - und wäre er der beste und weiseste - Allwissenheit und Unfehlbarkeit zu Theil geworden. Darum hört er die Bitten aller Regierten, einzeln und vereinigt, er läßt jeden Einzelnen frei seine Meinung äußern, und handelt nach der öffentlichen
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Meinung. Er beräth sich mit allen Ständen und regiert nach dem gemeinen Willen zum gemeinen Nutzen. - Dann bedarf es keines Zwanges, um Alle zu dem zu nötigen, was Alle oder die Mehrheit wollen, dann bedarf es keiner Uebergewalt, um Einzelne, welche die gute Ordnung stören, unschädlich zu machen und abzuwehren, denn alle Bewohner eines christlich regierten Landes, sind seine Verteidiger gegen äußere und innere Gewaltthat.
Endlich mancherlei Sprachen! Um das Evangelium unter den verschiedenen Völkern zu verbreiten, gab Gott den ersten Boten der Wahrheit auf wunderbare Weise mancherlei Sprachen. Hat gleich diese übernatürliche Mittheilung nur in den Zeiten der ersten Begründung des Christenthums stattgefunden, so sind doch auch in späterer Zeit die Sprachen der entferntesten Völker erforscht worden, damit die heiligen Urkunden in die verschiedensten Sprachen der Erde übertragen würden; so sind die Ursprachen der heiligen Bücher selbst von Freunden der Wahrheit für das genauere Verständniß derselben erforscht worden. Also holen die Sprachforscher die Weisheit des Alterthums in die neueste Zeit herüber oder erhalten das Band zwischen den einzelnen Völkern, die Gott durch die Sprachen geschieden hat, die aber alle ein großes Ganze, ‚die Menschheit' bilden.
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II.
Geize nicht in deinem Stand,
Liebe Volk und Vaterland!
Christ und Bürger, deine Pflicht
heißt dich suchen Recht und Licht.
Wir haben einen Ueberblick gethan auf die verschiedenen Beschäftigungen und Stände der Menschen: wollen wir nun daraus die Folgerung herleiten, daß die Menschen als verschiedenen Stände getrennt und geschieden sein sollen? Das sei ferne! Indem Gott den Bewohnern der Erde verschiedene Geschäfte anwies in dem großen Gottesreich, vereinigte und verknüpfte er sie wieder durch das wechselseitige Bedürfniß; indem Gott die Menschen schied durch Amt und Stand, schlang er wiederum um Alle manch schönes Band. - Ja, darin wird die höchste Weisheit uns offenbar, daß alle Stände nur in Gesellschaft, nur in bürgerlicher Gesellschaft und in geistiger Gemeinschaft leben können. Der Trieb nach Geselligkeit, den Gott dem Menschen von Natur einpflanzte, wird erhöht durch das Bedürfniß der Hülfe und Unterstützung, das jeder Einzelne in Hinsicht seiner Mitmenschen, das jeder Stand in Hinsicht der übrigen Stände fühlt. Alle Menschen bedürfen der Hülfe ihrer Mitmenschen; alle Menschen sollen ihre Mitmenschen, alle Stände sollen sich wechselseitig Beistand leisten. Alle sind, wie unser
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Text sagt, Glieder Eines Leibes und nicht für sich allein kann und soll Ein Mensch, Ein Stand Geistesbildung und sittliche Vollkommenheit erringen. Alle sind, wie unser Text sagt, Glieder Eines Leibes und die Thatkraft Aller soll zum geistigen und bürgerlichen Wohlergehen zusammenwirken.
Dies fordert Alle auf zur Liebe, Gerechtigkeit und Wahrhaftigkeit, zu allen Tugenden, durch welche das Menschengeschlecht nach Gottes weiser Leitung von der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit in alle Ewigkeit fortschreiten soll. Dies verbeut allen, daß Ein Mensch, Ein Stand nur für sich und seinen Nutzen sorge. Es sind mancherlei Gaben, Aemter und Kräfte, sagt Paulus in den Worten unsres Textes, aber es ist Ein Gott, der da wirket Alles in Allem, und in einem Jeglichen erzeigen sich diese Gaben des göttlichen Geistes zum gemeinen Nutzen.
Zwar hat jeder Einzelne das Recht, auf seinen Nutzen zu sehen, welchen Stand er angehöre, aber Keiner hat das Recht, seinen Nutzen höher zu setzen, als den seines Nebenmenschen, keiner hat das Recht, seinen Nutzen dem gemeinen Nutzen gleichzusetzen oder gar ihn zu suchen in gemein schädlichen Dingen und Thaten. Alle Glieder Eines Leibes, wiewohl ihrer viele sind und sie mancherlei Geschäfte haben, sind sie doch Ein Leib und ein Glied ist so nöthig und nütz-
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lich als das andere und der ganze Leib ist mehr werth, als ein einzelnes Glied. Darum sollen Alle ihren Nutzen dem gemeinen Nutzen unterordnen; darum sollen, wie unser Text sagt, alle für einander gleich sorgen; und wie jeder Einzelne in seinem Stand sein besonderes Wohl beachten und seine besondere Pflich erfüllen soll, so sind Alle zur Theilnahme am Allgemeinen berechtigt und verpflichtet. Ehe wir diese Wahrheit näher erwägen, entlehnen wir aus der Geschichte des Alterthums das traurige Bild eines Volkes, wo - nach den Worten der Heiligen Schrift - ein jeder für sich geizte in seinem Stand. Es ist das Volk der Aegypter, über dessen innere Verhältnisse uns die Heiligen Bücher belehren. Welches war der Zustand dieses Volkes? - Wie mit Mauern und Zwingern waren die Stände desselben in verschiedenen Abstufungen geschieden; kein Uebertritt aus dem einen Stand in den andern war möglich; in welchem Stande der Vater geboren war, mußte, Kind und Kindeskind bleiben.
An der Spitze des Staates stand der König, umgeben von den bevorzugten Ständen, von seinen Dienern, der Priester= und Ritterschaft. Er schien das Ganze zu lenken, aber er wurde gelenkt; die Bevorrechteten lenkten den König und bedrängten das Volk. Den niedern Ständen der Bauern, Kaufleute, Hirten, entfernt gehalten vom König, blieb Aberglaube und Ar-
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muth zu ihrem unglücklichen Antheil. Die Weisheit der Schriftgelehrten neben dem Götzendienst und der Unwissenheit des Volks, die noch erhaltenen Prachtgebäude der Hohen neben den Frohndiensten der Israeliten, die als Hirten dem untersten Stand angehörten, hat die Geschichte warnend in ihre Denkbücher geschrieben. - So der Zustand des Aegyptischen Volks: es geizte Jeder in seinem Stand und Niemand liebte das Vaterland; die Priester verhüllten der Wahrheit Licht, und Bauern und Bürger suchten es nicht!
Und welches war das Schicksal dieses Landes? Von den umwohnenden Völkern der Reihe nach erobert und unterjocht, liegt es unter ausländischer Herrschaft in den geistigen Tod versenkt danieder, gleich dem reichen Indien reich an Gold und edlen Gesteinen - aber am an Gemeingeist und edlen Gesinnungen!
Wohl uns, daß wir einem christlichen Volke angehören und daß ein solcher Zustand dem Geiste des Christenthums widerstreitet. Das Christenthum lehrt uns, daß alle Menschen Glieder Eines Leibes sind, daß alle mit gleicher Liebe füreinander sorgen sollen. Die heiligen Bücher lehren uns die Veranstaltungen Gottes gegen Eigensucht und Eigenliebe kennen. Sie lehren uns, durch welche göttliche Anordnungen der gemeine Nutzen in der bürgerlichen Gesellschaft, wie in der geistigen Gemeinschaft der Chri-
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sten gefördert wird. Welches sind diese göttlichen Anordnungen?
Als Bürger sollen Alle ihrer Stadt und Gemeinde, ihres Volks und Vaterlandes Bestes suchen.
Als Christen sollen Alle geistlich sein. - Die erste und tiefste Quelle des Bösen ist Eigennutz. Der Geiz, sei es der Geiz nach Geld und Gut, nach Eigenmacht, nach eigener Lust und Ehre - der Geiz ist nach der Schrift und Wahrheit die Wurzel alles Uebels.
Diesen Grundübeln der Eigensucht und Eigenliebe hat Gott dadurch Schranken gesetzt, daß er die verschiedenen Stände und Menschen durch mannigfache Bande wieder zusammen band. Welches sind diese Bande? Es ist das Band der Liebe zwischen Gatten, es ist das Band der Liebe und des Bluts zwischen Aeltern und Kindern und zwischen Geschwistern!
Das zweite, das Band der Gemeinde, das Alle vereint, die an Einem Orte wohnen und wirken; das dritte und höchste das Vaterland, das alle Stämme und Stände umfaßt, die Gott durch Eine Sprache zu Einem Volke verbunden hat. - Die Liebe dieser Verbindungen ist in der Natur gegründet, wie von der Pflicht geboten, und sie wirkt der Eigenliebe entgegen.
Und wie und in welchem Maaße soll ich mich, meine Familie, meine Gemeinde, mein Volk und
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Vaterland lieben? Wie und nach welchem Maaße den gemeinen Nutzen suchen?
Suche deinen Nutzen, aber achte den Nutzen deiner Familie höher, befördere das Beste deiner Familie, doch nicht auf Kosten deiner Gemeinde, suche der Stadt Bestes, in die Gott dich gesetzt hat, doch achte das Wohl deines Vaterlandes höher; suche deine Ehre nicht in der Schande deines Volkes, suche dein Glück nicht im Unglück deiner Mitmenschen!
Geize nicht in deinem Stand, liebe Volk und Vaterland! - In deinem Volke sollst du die Zwecke der Menschheit verwirklichen, doch sieh dein Volk nicht als das auserwählte an, daß allein für Recht und Licht berufen sei. - Aber wie wird das Wohl des Vaterlandes gefördert und der gemeine Nutzen erkannt? - Unser Text sagt: Die Gaben des Geistes erzeigen sich einem Jeglichen zum gemeinen Nutzen. - Das Gefühl des Rechts, die Erkenntnißkraft der Wahrheit ist Allen zu Theil geworden. Alle Stände vermögen den gemeinen Nutzen zu fördern und alle sollen ihn erkennen und fördern.
Es ist eine Rede, die häufig vom Eigennutz ausgesprochen und vom Eigennutz weiter gesprochen wird und also lautet: sorge doch Jeder für die Geschäfte seinen Standes, so hat er seine Pflicht vollständig erfüllt! Es ist aber eine heillose Rede! Zwar sollen
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Alle die Geschäfte ihres Standes pflichtmäßig erfüllen, aber zugleich die Pflichten gegen das Vaterland, zwar sollen Alle die eigenthümlichen Rechte bewahren, aber zugleich die Rechte ihres Vaterlandes. Zwar können und sollen nicht Alle das gemeine Wesen verwalten und leiten; aber Alle es kennen und fördern an ihrem Theile, und die es verwalten, sie sollen für den gemeinen Nutzen und nicht für ihren Eigennutz, sie sollen nach dem gemeinen Willen und nicht nach ihrem Eigenwillen regieren und verwalten. Und daß der gemeine Nutzen von allen erkannt, daß die beste Einsicht zu Tage gefördert werde, können diejenigen, welche regieren, nur dann vor Gott und ihrem Gewissen überzeugt sein, wenn die Besten und Tüchtigsten aus allen Ständen zu dem Gesetz, wornach regiert und gehorcht, verwaltet und gehandel wird, zurathen und zustimmen. Denn so zu handeln, wie die Vernünftigsten aller Stände es wollen und wünschen, ist das Gebot der christlichen Liebe, ist die Forderung des göttlichen Gesetzes und der Gerechtigkeit. - Darf kein Glied zu dem andern sagen: ich bedarf euer nicht, und sollen Alle, wie unser Text sagt, für einander gleich sorgen, so versehre Keiner das Recht seiner Mitmenschen an dem Allgemeinen, wovon niemand ausgeschlossen sein soll, so wende sich Jeder hin zum allgemeinen Recht als dem höchsten.
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So wird dem Eigennutz in der bürgerlichen Gesellschaft gewehrt und der gemeine Nutzen gemehrt: so nehmen Alle Theil am Vaterland! -
Wir gehen über zur andern göttlichen Anordnung gegen Eigensucht und Eigendünkel, zu der Anordnung, daß alle Christen geistlich sein sollen.Was heißt das? Es heißt: Alle sind als Christen verpflichtet, nach Vervollkommnung im Geist und in der Wahrheit, nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit zu trachten, und der Geistiggebildete, der Christ im Geist und in der Wahrheit wird weder sein Recht auf Wahrheit versäumen, noch das Recht seiner Mitmenschen versehren.
Sind wir alle der Leib Christi, ein jeglicher nach seinem Theil, und erzeigen sich die Gaben des Geistes in einem Jeglichenen, so sind wir alle zum Streben nach Wahrheit und Gerechtigkeit verpflichtet, so sollen wir alle wahrhaftig sein gegen einander. Das göttliche Reich, in welchem Christus Richter ist, das Reich der Gerechtigkeit, das Himmelreich, in welchem Christus König ist, ist das Reich der Wahrheit. Ich bin ein König, spricht Christus zu Pilatus - Joh. 18, 37 - ich bin ein König, dazu geboren und in die Welt gekommen, daß ich die Wahrheit zeugen soll. Wer aus der Wahrheit ist, der höret meine Stimme. Und wiederum: - Joh. 8, 31 - so ihr bleiben werdet an meiner Rede, so seid ihr meine rechten Jünger
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und werdet die Wahrheit erkennen und die Wahrheit wird euch frei machen von allem Bösen.
Zwar soll der Stand, dessen nächster Beruf Verbreitung der Wahrheit und Erkenntnis ist, vorzugsweise nach Wahrheit und Wissenschaft streben, doch nicht er allein, sondern Alle die dem Reich der Wahrheit angehören wollen, sind hierzu berechtigt und verpflichtet. Dies lehren uns die Gebote des göttlichen Lehrers der Wahrheit, wie die Anordnungen seiner Jünger in den ersten Christengemeinden. Der göttliche Lehrer wählte seine Jünger nicht aus einem besonderen Stand, vielmehr aus allen, und im Stande der Schriftgelehrten fanden sich seine meisten Gegner.
Gehet hin und lehret alle Völker! Prediget das Evangelium aller Kreatur! So lehrte er seine Boten. Nach diesen Geboten handelten die Apostel und in diesem Geiste ordneten sie die ersten Einrichtungen der christlichen Kirche an. Alle Glieder der Gemeinden versammelten sich zu Gesängen und Gebeten, zu belehrenden Vorlesungen und öffentlichen Reden, zu dem heiligen Liebesmahle, der Gedächtnißfeier des Gekreuzigten.
Alle versammelten sich und wußten gemeinverständlich zur Gemeinde zu reden; so durfte es, wie Paulus im Folgenden sagt, Alle, Einer nach dem Andern, so daß sie Alle lernten und ermahnt wurden. - So lehrt uns das Christenthum, daß alle Christen geistlich
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sein sollen. Sind die geistlichen Gaben ausgegossen über Alle, so hemme Keiner die freie Forschung der Wahrheit, so fordere Keiner das Vorrecht der Untrüglichkeit, so zwinge Keiner den freien Christenglauben unter das Joch seiner Satzungen. Niemand hat Macht, dem Geiste zu wehren, sagt uns das göttliche Wort. Wahrheit zu suchen, ist die Sehnsucht des göttlichen Funkens im Menschen und durch die freie Mittheilung der Wahrheit wird in der geistlichen Gemeinschaft der Christen dem Eigennutz gewehrt, und Alle wachsen im Geist und in der Wahrheit. Sind wir alle der Leib Christi, so sind die Trennungen und Spaltungen unter den Gliedern eines Leibes kein Nutzen! Nur diejenigen schließen sich selbst aus dem Reich der Wahrheit aus, die dem Irrthum unterworfen, wie wir Alle, und doch unfehlbar sein, die der Sünde unterworfen, und doch heilig sprechen, die die christliche Lehre durch ihre Satzungen trüben und die freie Forschung der Wahrheit hemmen wollen. Alle aber, die wir die christliche Freiheit erlangt haben, Alle, die wir Christi Namen im Geist und in der Wahrheit bekennen, wir sind durch Einen Geist Alle zu einem Leibe getauft und zu einem Geiste getränkt!
Alle Glieder Eines Leibes, wiewohl ihrer Viele sind, sind doch Ein Leib: also auch Christus! So ergehet denn die Aufforderung unseres heutigen Textes
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an jedes Glied der bürgerlichen Gesellschaft: zu wirken für sich in seinem Stande, doch zugleich zu wirken für Gemeinwohl und Vaterland! Es ergehet die Aufforderung an alle Glieder der bürgerlichen Gesellschaft, zu streben nach dem Reiche Gottes und seiner Gerechtigkeit, zu wachsen im Geist und in der Wahrheit.
Christ und Bürger, deine Pflicht
Heißt dich suchen Recht und Licht!
Und wer als würdiger Bürger seines irdischen Vaterlandes den gemeinen Nutzen gefördert, und wer als würdiges Glied des Reiches der Wahrheit nach Licht und Recht auf Erden gestrebt hat, dem wird Gott sein himmlisches Reich nicht verschließen. Amen.
Pfarrer Weidig hielt die Predigt über 1. Korinther 12, 3 - 28 um 1819 in Butzbach. Sie wurde zuerst 1838 veröffentlicht in "Reliquien D. Friedrich Ludwig Weidig's, gewesenen Pfarrers in Obergleen im Großherzogthume Hessen. - Zum Besten der Wittwe Weidig's herausgegeben von einigen Freunden." (Mannheim, Verlag von Heinrich Hoff).
Unser Abdruck folgt der Faksimile-Ausgabe in "Friedrich Ludwig Weidig, Gesammelte Schriften" Herausgegeben von Hans-Joachim Müller im Auftrag der Gesellschaft Hessischer Literaturfreunde, 1987 Darmstadt (S. 193-214).
Die Ergänzungen von mir sind in eckige Klammern und kursiv gesetzt. Der Predigttext nach einer Bibel von 1855 ist in der damaligen Schreibweise abgedruckt und bietet eine Textfassung, die auch Weidig benutzt haben könnte.
Dieter Bertram
Wie kam F. L. Weidig zu Tode ?
1991 feierte die mittelhessische Lokalgeschichte den 200.
Geburtstag von Dr. Friedrich Ludwig Weidig, der am 15. Februar 1791 in Oberkleen (heute
Ortsteil von Langgöns) geboren wurde, und der als Pädagoge, Theologe, Literat, Turner
und auch als Revolutionär sich einen Namen bzw. Ruf erwarb, der bis heute im Schatten von
Georg Büchner steht. In Butzbach und seinem Geburtsort Oberkleen gab es damals
Festveranstaltungen, Vorträge und in Butzbach eine Sonderausstellung des Museums zum 200.
Geburtstag Weidigs gegeben. Doch weder 1991 noch im Weidig-Jahr 1987, als man des 150.
Todestages von Weidig gedachte, konnten die näheren Umstände seines Todes aufgeklärt
werden.
Dr. Alexander Friedrich Ludwig Weidig, so der vollständige
Name, verstarb am 23. Februar 1837 gegen 11 Uhr in seiner Zelle im Darmstädter
Gefängnis. In diesen Tagen gedenken wir also des 160. Todestages des Mannes, der auch als
Vorläufer demokratischer Ideale angesehen werden kann und auf den der Terminus
"Revolutionär" sicherlich nicht, wie im heutigen Sinn gebräuchlich, angewendet
werden darf. Von den Behörden wurde Weidig als "Revolutionär", als einer, der
sich gegen die Obrigkeit, gegen die bestehende Ordnung auflehnt, ausgemacht. In Butzbach
scharte er einen Kreis von Gleichgesinnten, von Verschwörern um sich, und durch
Flugschriften ("Der Hessische Landbote" ist die bekannteste), die er über
Mittelsmänner unters Volk brachte, machte er und sein Kreis auf die bestehenden
Mißstände und die Diskrepanz zwischen "arm" und "reich" aufmerksam.
Erschwerend kam hinzu, daß breite Teile der verarmten Bevölkerung nicht lesen oder
schreiben konnten und die Flugschriften (heimlich) vorgelesen werden mußten. Das war den
Behörden natürlich ein Dorn im Auge - Weidig und seine Leute wurden schließlich nach
und nach verhaftet. Dr. Weidig, der als Pfarrer, er hatte in Gießen studiert, nach
Obergleen (Ortsteil von Kirtorf bei Alsfeld) strafversetzt wurde, um dem mittelhessischen
oppositionellen Zentrum seine Haupt-Antriebsfeder zu entziehen, wurde am 22. April 1835
morgens zwischen vier und fünf Uhr vom Alsfelder Kreisrat in seiner Wohnung in Obergleen
verhaftet und kam zunächst nach Friedberg ins Gefängnis. Zwei Monate später wurde er
mit anderen Häftlingen zusammen nach Darmstadt verlegt.
Was geschah am Morgen des 23. Februar 1837 im Darmstädter
Gefängnis in der Zelle von Dr. Weidig? Aufgrund der Akten aus dieser Zeit und den
Forschungen von ThomasMichael Mayer und Harald Braun können wir einen relativ dichten
Zeitplan entwerfen. Gegen 7.30 Uhr an jenem 23. Februar 1837 findet Gefängniswärter
Preuninger Weidig blutverschmiert auf seiner Schlafstelle in der Gefängniszelle. Gegen
7.45 Uhr hat Preuninger Hofgerichtrat Georgi, der durch unzählige mit Foltermethoden
durchgeführte Verhöre zum klassischen Feind Weidigs geworden war, über diesen Vorfall
unterrichtet. Gegen 8.00 Uhr ist Georgi mit Referent Schäffer und zwei weiteren
Gerichtsbeamten eingetroffen und hat die Zelle Weidigs betreten. Zu diesem Zeitpunkt lebte
Weidig noch! Gegen 9.45 erschien einer der beiden mittlerweile benachrichtigten Ärzte,
der andere kam etwas später. Doch Georgi, der Weidig auch geistig klar unterlegen war,
hat die Hilfe noch rund eine Viertelstunde verzögert. Nach 10 Uhr müssen die Ärzte die
Zelle Weidigs erst betreten haben, Weidig war also zwei Stunden sich selbst
überlassen gewesen. Zudem waren die Scherben, mit denen er sich die Verletzungen
zugefügt hatte und die Preuninger bereits gegen 7.30 Uhr gefunden hatte, nicht entfernt
worden.
Aufgrund der blutigen Fußspuren in der Zelle läßt sich
rekonstruieren, daß Weidig zwischen 9 und 10 Uhr in der Zelle umhergegangen sein muß. In
dieser Zeitspanne hat er sich vielleicht die tödliche, mit den Glasscherben verursachten
Wunden, die die Ärzte bei ihrer ersten Untersuchung an den Schlagadern beider Handgelenke
und Unterschenkel sowie am Hals entdeckten, zwar nicht erst beigebracht, so doch
erweitert. Als die Ärzte Weidig fanden, lebte er noch, hatte aber schon zu viel Blut
verloren, so daß er nicht mehr gerettet werden konnte.
Er konnte aber noch auf eine Wand in seiner Zelle deuten,
wo mit Blut geschrieben stand: "Da mir der / Feind jede Verteidigung / versagt, so
wähle ich einen / schimpfl. Tod / von / freien Stücken. F.L.W."
Rein oberflächlich betrachtet handelt es sich um
Selbstmord, da sich Weidig die Wunden mit hoher Wahrscheinlichkeit selbst zugefügt hat.
Doch klar ist auch, daß die Behörden (Georgi etc.) Weidig mit ihren Methoden zu dieser
Tat und damit in den Tod getrieben haben. Ganz genau wird man die näheren Todesumstände
Weidigs wohl nie aufklären können.
Volkmar Köhler
Butzbacher Zeitung,
22.02.1997
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