Die Butzbacher Zeitung schreibt über die Weidigschule Butzbach

Auf den Spuren von F. L. Weidig

Stadtführerin Stefanie Rieck beschreibt Weidigs Leben und Wirken in Butzbach



BUTZBACH. Unter dem Motto "Leben und Wirken von Friedrich Ludwig Weidig" stand am Samstagnachmittag eine Themenführung durch Butzbach. Stefanie Rieck nahm rund 30 Interessierte zu einem kostenlosen und etwa 1 1/2-stündigen Rundgang mit. Vor dem "Weidighaüs" zwischen Hexen- und Kirchplatz entstand unser Bild.

BUTZBACH (dö). Eine spannende Stadtführung auf den Spuren des Butzbacher Schulmannes, evangelischen Theologen, Publizisten, Freiheitskämpfers und Turnvaters Friedrich Ludwig Weidig unternahmen am Samstag die Stadtführerin Stefanie Rieck und zahlreiche Interessierte. "Weidigs Leben und Wirken in Butzbach" nannte sich die fakten- und geschichtenreiche Unternehmung, die etwa 90 Minuten lang zu historischen Stätten führte, die in Butzbach mit Weidig ursächlich in Beziehung stehen.


Vor der ehemaligen Lateinschule, heute Hans Bang, am Kirchplatz.


Stefanie Rieck (re) stellte das Leben Weidigs vor. Links neben ihr Dagmar Storck, die am 12. Juni den Rundgang durch Butzbch leiten wird.


Die beiden Bilder entstanden in der Guldengasse (oben) und vor dem BZ-Verlagsgebäude, in der Langgasse, wo Weidig mit seiner Familie von 1827 bis 1834 wohnte.
 

Friedrich Ludwig Weidig stammte aus dem Butzbacher Nachbarort Oberkleen. Er wurde dort am 15. Februar 1791 als Sohn eines Oberförsters geboren. Sein Vater zog später nach Butzbach, die Familie wohnte in der Griedeler Straße, Ecke Schlossstraße. Der Sohn besuchte die Lateinschule am Kirchplatz (heute Schreinerei Bang), wo er einen sehr guten Unterricht erhielt. Nach einem weiteren halben Jahr am Gymnasium in Gießen studierte Weidig ab Herbst 1808 an der dortigen Universität Theologie. Im März 1812 wurde er zum Konrektor an der Lateinschule zu Butzbach ernannt.

Weidig war ein vorzüglicher Lehrer, dem viel an der allseitigen Ausbildung der Jugend gelegen war. Stefanie Rieck schilderte einen Weidig von tadellosem Lebenswandel und seltener Uneigennützigkeit, der durch seine zutiefst menschliche Art die begeisterte Zuneigung und rückhaltlose Verehrung seiner Schüler gewann. Nach dem Vorbild des Berliners Friedrich Ludwig Jahn führte Weidig mit seinen Schülern Turn- und Exerzierübungen etwa auch mit Holzgewehren durch, übte mit ihnen Laufen, Hüpfen, Springen, ließ sie patriotische Lieder singen und gründete um 1814 einen Turnplatz auf dem Schrenzer, den ersten Turnplatz in Hessen. Weidig rief in Butzbach auch eine "Deutsche Gesellschaft" ins Leben, die politische Zwecke verfolgte. Er proklamierte eine eigene ideale deutsche Verfassung. Dies blieb im Zeichen der Restauration nicht unbemerkt.

Die misstrauische Obrigkeit verdächtigte ihn bald, etwa 1818, revolutionären Lehren gegenüber nicht abgeneigt zu sein. Es gab erste Denunziationen und Bespitzelungen. Wegen politischer Betätigung wurde er im Schulunterricht, in den Predigten und auch privat überwacht. Weidig verwickelte man in den Jahren 1819/20 wegen "revolutionärer Beeinflussung der Jugend" in eine Untersuchung, die jedoch im Sande verlief. 1822 erwarb er den philosophischen Doktorgrad, und im Dezember 1826 wurde er endlich nach langen Jahren des Wartens zum Rektor der Butzbacher Lateinschule befördert. Er führte die Schule zu nie gekannter Größe und hatte einen großen Anhänger- und Freundeskreis.

Im Weidig-Haus am Kirchplatz lebte er für zwei Jahre. Er heiratete Amalie Hofmann, mit der er eine glückliche Ehe führte. Die hessischen Verfassungs- und Kammerstreitigkeiten verfolgte er mit leidenschaftlichem Interesse, die Freiheitskämpfe in Europa mit Begeisterung. 1830 wurde er Augenzeuge des "Blutbads von Södel", als die von ihm ungeliebten Butzbacher Dragoner, die bis 1813 für Kaiser Napoleon gekämpft hätten, in dem Nachbarort wüteten, zwei Bewohner töteten, 17 Bauern verwundeten und etliche Häuser anzündeten auf der vergeblichen Jagd nach längst geflohenen, von purer Not getriebenen Aufständischen aus dem Vogelsberg.

1833, nach. dem Frankfurter Wachensturm, geriet Weidig in eine neue gerichtliche Untersuchung. Man lastete ihm den Umgang mit bekannten Revolutionären an. Weidig verteidigte sich mit großer Festigkeit, leugnete alles und bestritt die Rechtmäßigkeit des gegen ihn eröffneten Verfahrens. Er saß während dessen in Butzbach in einem Privathause unter Bürgerbewachung in Haft. Die Regierung in Darmstadt traute ihm nicht mehr und schickte den Unbotmäßigen auf eine gering dotierte Pfarrstelle,nach Ober-Gleen bei Alsfeld. Weidig gehörte zu den Liberaldemokraten, die ein vereinigtes einiges Deutschland als demokratischen Nationalstaat mit einem Kaiser an der Spitze anstrebten. Deshalb reiste er 1832 nach Südwestdeutschland und half bei den Vorbereitungen des Hambacher Festes, an dem er aber aufgrund der behördlichen Überwachung nicht teilnehmen konnte:

1833 wurde Weidig zum ersten Mal inhaftiert; doch er veröffentlichte trotzdem 1834 illegal vier Ausgaben des "Leuchter und Beleuchter für Hessen (oder der Hessen Notwehr)". Im selben Jahr traf.er erstmals mit Georg Büchner zusammen, eine Begegnung, die ihm schließlich zum Verhängnis werden sollte. Weidig arbeitete ein von Büchner vorgelegtes Manuskript, übrigens gegen dessen Willen, zum "Hessischen Landboten" um. Druck und Verteilung der verbotenen Flugschrift wurden maßgeblich durch Weidig und seine Schüler organisiert. Seit dem 5. April 1834 war Weidig vom Schuldienst suspendiert. Als das Projekt des "Hessischen Landboten" ("Friede den Hütten! Krieg den Palästen!", dieser häufig gebrauchte Wahlspruch während der Französischen Revolution war das Leitmotiv der Flugschrift) im Sommer .1834 verraten wurde, flüchtete Büchner nach Straßburg, während Weidig sich weigerte, mit seiner Familie in die sichere Schweiz zu emigrieren.

Bald darauf wurde er in Ober-Gleen verhaftet, in der Friedberger Klosterkaserne, festgesetzt und im Juni 1835 ins Arresthaus nach Darrnstadt verlegt. Nach etwa zwei Jahren übelster Tortur und scharfen Disziplinarstrafen beging er am 23. Februar 1837 unter furchtbaren Umständen Selbstmord, nachdem er zwei Jahre lang von den Untersuchungsrichtern (insbesondere von dem als brutalen Säufer bekannten Hofrat Konrad Georgi) gequält und körperlich misshandelt worden war. Weidig litt in der Haft zeitweilig an Sinnestäuschungen. Er hörte Rufe seiner Angehörigen, sah Särge gefüllt mit gefälschten Verhörprotokollen und glaubte, dass seine heimliche Hinrichtung bevorstehe. Der Untersuchungsrichter hingegen erklärte alles für Verstellung.

Im Gebiet des heutigen Hessen und des angrenzenden Mittelrheingebiets war Weidig einer der maßgeblichen Protagonisten des Vormärz und ein Wegbereiter der Revolution von 1848. Nach Weidig hat man in Butzbach eine Straße benannt, man feiert hier alljährlich das Weidig-Bergtumfest, die Weidigschule trägt seinen Namen und auch die Weidigsporthalle in Oberkleen.

(c) by Butzbacher Zeitung, 12.04.2010

 

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